Im Kosovo haben die Europäer lernen müssen, was die Amerikaner Murphys Gesetz nennen: Wenn irgend etwas in der Theorie schiefgehen kann, dann geht es auch in der Praxis schief. Im Kalten Krieg hatte das atomare Gleichgewicht des Schreckens dafür gesorgt, daß nichts schiefging, weil nichts schiefgehen durfte. Die Glaubwürdigkeit der Allianz beruhte darauf, daß Amerika entschlossen und die Sowjetunion von dieser Entschlossenheit überzeugt war. Deshalb drehte die Kreml-Führung in allen Berlinkrisen und in der Kubakrise wieder ab.

Was sich die Kreml-Führer zu Recht nicht trauten, hat sich der Belgrader Kriegstreiber Slobodan Milocevic herausgenommen, aus seiner Sicht leider ebenso zu Recht. Er hat die Kraftprobe mit den westlichen Politikern gewagt, weil er deren Bombendrohung nicht ernst nahm. Monatelang degradierte er Emissäre des stolzen Bündnisses, Sonderbotschafter wie Minister, die ihm mit lauter letzten Angeboten aufwarteten, zu Bittstellern. Viel fehlte nicht, daß sie barfuß im Schnee hätten warten müssen.

Die Verantwortlichen der Nato haben sich in dreifacher Weise Murphys Gesetz ausgeliefert. Erstens: Sie rüsteten sich nicht ernsthaft für ihr Abenteuer. Sie schlugen im vergangenen Sommer die Empfehlungen der Militärs und Fachleute in den Wind, wonach Milocevic nur dann Luftschläge angedroht werden könnten, wenn massierte Verbände an Bodentruppen einsatzbereit wären. Die Politiker hingegen signalisierten dem Serbenführer von Anfang an, daß sie den Frieden keineswegs mit allen Konsequenzen erzwingen wollten. Sie setzten darauf, daß ihr Interventionsszenario bis zur ersten Pause ausreichen würde. Schon Anton Tschechow sah so etwas als größte Schwäche eines jeden Dramas an: Wer im ersten Akt ein Gewehr an die Wand hänge, warnte er, müsse auch dafür sorgen, daß es im dritten losgehen könne.

Zweitens: Die Bündnispolitiker unterschätzten das Nullsummenspiel des traditionellen balkanischen Politikverständnisses, das Milocevic zur Meisterschaft geführt hat. Im naiven Glauben, den balkanischen Flickenteppich provisorisch reinigen zu können, wollten die Unterhändler nicht wahrhaben, daß den Kriegstreiber einzig ein Ultimatum beeindrucken kann, das seine persönliche Macht bedroht.

Daß sich diese Macht hingegen selbst bei allwöchentlichen Bombenabwürfen durchaus halten läßt, konnte sich Milocevic bei Saddam Hussein abschauen. Da er aber zugleich längst erkannt hat, daß er das Kosovo auf Dauer nicht halten und den Krieg dort nicht bezahlen kann, wußte der düstere Dr. Seltsam mit den westlichen Bomben durchaus sein politisches Spiel zu treiben. Sie könnten ihm später ein Alibi liefern, daß nicht er die "Wiege der Nation" zertrümmerte und abstieß, sondern daß der übermächtige Feind sie den tapferen Serben entriß.

Drittens: Die westliche Gemeinschaft hat ihren Kampfeinsatz angedroht, ohne die eigene Gesellschaft darauf vorzubereiten. Seit fünf Jahrzehnten ist kein deutscher Soldat mehr durch Feindeshand gefallen. Die nach 1945 geborene Generation sieht zwar mehr Kriege als alle Generationen vor ihr, dank Fernsehnachrichten, TV-Serien und Computerspielen. Doch die Realität des Krieges ist ihr bisher zum Glück so fern gewesen wie noch nie einer Generation zuvor. Die Bundeswehr ist zur defensiven Sicherung der alten Welt geschaffen worden. Daß diese Welt längst nicht mehr ist, was sie im Kalten Krieg war, hat weiten Teilen der Öffentlichkeit bis gestern nicht vor Augen gestanden. Wie werden die Politiker auf den Druck einer unvorbereiteten Bevölkerung reagieren, wenn sich Fernsehbilder von albanischem Flüchtlingselend und abgeschossenen Tornado-Piloten aneinanderreihen?

Besorgte Stimmen warnen vor einem Vietnam in Europa

Was heißt das jetzt fürs Kosovo? Besorgte Stimmen warnen vor einem Vietnam in Europa. Doch darf die Gemeinschaft die Vernichtung ganzer Landstriche wie im Dreißigjährigen Krieg hinnehmen? Vermag Deutschland noch einige 100000 Flüchtlinge mehr aufzunehmen? Könnte die Nato jetzt wirklich nach ein paar Bombenattacken abtreten und sich danach bei der Jubiläumsfeier zu ihrem 50. Geburtstag fragen lassen: Wo seid ihr geblieben?

Sicher ist, daß Milocevic, der ohne Krise kollabieren würde, weiteres Unheil verbreiten wird. Sicher ist, daß das Kosovo, halb tot oder halb lebendig, am Ende doch in der Unabhängigkeit landet. Ebenso gewiß ist aber auch, daß die Rebellentruppe der UÇK die Notgeburt dieses zweiten Albanerstaates weder politisch noch wirtschaftlich hochpäppeln könnte. Ohne Kontrolle durch den Westen würde sie zur Gefahr für die ganze Region. Als Ergebnis der jahrelangen serbischen Unterdrückung, der Vertreibung der Kosovaren aus allen Berufen und der mittelalterlichen albanischen Clanstrukturen droht die drogenträchtige Provinz auch noch zum Kolumbien Europas zu werden.

Wer jetzt noch meint, daß die Völker "da unten" einander doch ungehindert die Köpfe einschlagen sollen, wenn sie dies unbedingt wollten, der gibt auch die Mitte des Kontinents auf. Europa ist in seiner 1000jährigen Geschichte stets von seiner Peripherie her entscheidend beeinflußt worden. Es kann sich nicht heraushalten. Der Vorsitzende des Nato-Militärausschusses, General Naumann, hat erklärt: "Wenn wir hier hineingehen, dann wird es ein Einsatz sein, der uns für Jahre bindet." So ist es. Und ein solcher Einsatz wird nicht ohne die Bereitstellung von Bodentruppen auskommen. Je furchtsamer er wäre, desto furchtbarer würden die Jahre.