Für das deutsche Wort "Vergangenheitsbewältigung" gibt es im Englischen, wie in anderen zivilisierten Sprachen, keine Entsprechung. He comes to terms with his past sagt man, wenn einer seinen Karriereknick oder die gescheiterte Ehe verdaut. Für die Überwindung historischer Traumata fehlt dagegen ein griffiges Wort. In Hollywood hat man schon Mühe, sich das Trauma überhaupt einzugestehen.

Am Sonntag abend bekam der Regisseur Elia Kazan, 89 Jahre alt, einen Oscar für sein Lebenswerk. Die Verleihung spaltete das Publikum. Zwar hatten Robert de Niro und Martin Scorsese, die Kazan den Preis überreichten, Tränen der Rührung in den Augen, aber ein Großteil der Anwesenden verweigerte sich den üblichen Standing ovations, und prominente Hollywood-Liberale wie Nick Nolte und Holly Hunter verschränkten demonstrativ die Arme.

In der Los Angeles Times, der Hauspostille Hollywoods, wurde heftig über den Umgang mit Elia Kazan debattiert. Ein Leserbriefschreiber schlug vor, dem Regisseur eine Statuette mit einem Messer im Rücken zu überreichen. Ein zweiter regte an, nicht nur Kazan, sondern auch allen von ihm Denunzierten einen Ehren-Oscar zu verleihen. Ein dritter wünschte sich gar, daß der "Verräter" auf offener Bühne erschossen würde. Andere wiederum lobten Kazans Kampf gegen die "kommunistische Verschwörung".

Die Nacht der Oscars ist vorbei. Aber der Fall damit nicht erledigt. Der Aufruhr, der seit Anfang Januar in der Filmstadt geherrscht hat, zeigt an, daß die Fabrik der Geschichten dabei ist, ihre eigene Geschichte zu studieren. Nicht zufällig handelten auch die drei großen Gewinner des Oscar-Abends, Shakespeare in Love, Das Leben ist schön und Saving Private Ryan , von historischen Stoffen. Das Kino des Jahrhundertendes schaut mit starrem Blick in die Vergangenheit. Man darf hoffen, daß es dort endlich etwas entdeckt.