Beim Lesen von W. G. Sebalds Buch über Luftkrieg und Literatur steht dir plötzlich Herr Jonas vor Augen, ein Deutschlehrer hamburgischer Herkunft, den es in die westdeutsche Provinz verschlagen hatte. Er war ein wunderlicher Mann, der im Unterricht Kinder-Kekse und schon leicht angebräunte Apfelschnitze zu verspeisen pflegte und der Klasse mit Tiraden dieses Typs auf die Nerven ging: "Macht nur so weiter: Eure Enkelkinder werden auf den Müllhalden nach den Coladosen graben, die ihr so leichtfertig wegwerft."

Seine Schüler mochten ihn aber gerade wegen der bizarren Seiten, die sich so herrlich karikieren ließen. Während der jährlichen Feuerwehrübung, bei der sich alle Schüler und Lehrer unter dem Geheul der Sirenen im Schulhof zu versammeln hatten, nahm Herr Jonas immer Urlaub: "Wenn ich die Sirenen höre, kenne ich nur noch einen Gedanken: Wo steht die Flak?" Unnötig zu erwähnen, daß dieser Satz ins stehende Scherzrepertoire der Schule Eingang fand. Die Vorstellung, daß der Lehrer sich bei jedem Probealarm auf den Boden wirft und laut "Wo steht die Flak?" ruft, war ja auch zu lustig.

Der Lehrer Jonas war ein Überlebender des Hamburger Feuersturms. Ein paarmal hat er den Versuch gemacht, etwas zu erzählen von jener Nacht des 27. auf den 28. Juli 1943. Er hat es dann aufgegeben. Es kamen nur lauter Klischees heraus, die nichts anschaulich werden ließen. Diese Sprachnot wiederum verleitete den Lehrer zu einer weiteren Häufung pathetischer Phrasen und einem zunehmend vorwurfsvollen Ton, gegen den man sich mit Sarkasmus wappnen mußte. Er sagte, man solle bloß froh sein, diesen Schrecken nicht erlebt zu haben - aber er sagte es auf eine Weise, daß man denken mußte, genau dies werde einem auch vorgehalten. Dem Lehrer seinerseits wird irgendwann klar-geworden sein, daß niemand seine Geschichte hören wollte, für die ihm verständlicherweise die Worte fehlten.

Der Herr Jonas war ein beschädigter Mensch, und das war es, was an ihm nicht auszuhalten war. Der Lehrer wollte als Opfer anerkannt werden; die Schüler konnten ebendies nicht ertragen. Man mochte eher noch annehmen, er wolle sich zum Opfer erklären, um von der deutschen Schuld abzulenken.

Doch der Lehrer Jonas war keiner von dieser Sorte. Irgendwann ließ man sich in Ruhe: Die vorwurfsvollen Reden hörten auf, und schließlich auch die rüden Witze. Es war dann fast so, als wäre nichts gewesen. Von der Nacht in Hamburg war nicht mehr die Rede. Was Herr Jonas damals gesehen hat, hast du nie erfahren. Aber wenn irgendwo eine Sirene geht, ist sie pötzlich da, seine alberne, grausige Frage.