Vielleicht lag es an den Pflanzen, die ich Tamara zuliebe besorgt hatte. Daß ich mich an das Zusammenleben mit einem Hibiskus, einer Amaryllis und einem Philodendron gewöhnen sollte, kam mir lächerlich vor. Ich bin der geborene Zimmerpflanzen- und Schnittblumenhasser. Noch nie habe ich mit einer Pflanze, und sei es die unscheinbarste, im selben Zimmer geschlafen.

Es wurde eine unruhige Nacht. Ich fühlte mich beengt. Waren meine Augen geschlossen, wuchsen die Pflanzen und atmeten und hielten im geheimen Zwiesprache, wie sie mich am schnellsten kleinkriegen könnten; öffnete ich die Augen, sah ich ihre Umrisse im Mondlicht schrumpfen. Im zermürbenden Wechsel schlief ich ein und wachte wieder auf. Drehte ich mich auf die Seite, lastete das obere Knie zu schwer auf dem unteren, lag ich auf dem Rücken, bohrten sich die Fersen schmerzhaft in die Matratze. Das Kissen war viel zu schlaff. Der Hinterkopf lag auf einem Häufchen harter, verklebter Federn und begann nach kürzester Zeit eisig zu summen. Beim Liegen auf der Seite verdrehte sich der Bezug unter dem Ohr in einen Knäuel.

Wie immer, wenn ich mir Frühstück machte, schaltete ich dasRadio ein und erwischte die letzten Minuten einer Lesung aus den Toten Seelen. Ein Geizkragen bewirtete Tschitschikow mit einem schimmeligen Osterkuchen, eine Unterschrift wurde geleistet mit Hilfe eines Tintenfasses, in dem sich ebenfalls schimmelige Flüssigkeit befand, in der lauter tote Fliegen schwammen. Als die Nachrichten kamen, kratzte ich gerade mit dem Messer den schwarzen Rand des Toastes über dem Ausguß ab. Der amerikanische Präsident, die amerikanische Außenministerin, Lawinen, Albaner, Jugoslawen, PKK.

Plötzlich war vom Wetter die Rede, und die Stimme des Nachrichtensprechers, für gewöhnlich eine ruhige und sonore, steigerte sich in eine Erregung hinein, wie man sie in den fünfziger Jahren von Fußballkommentatoren zu hören bekam. Es sei herrliches Wetter, sagte der Sprecher, herrliches Männerwetter - die Stimme überschlug sich fast -, ein ideales Fliegerwetter, und nun zählte er die Namen von Persönlichkeiten auf, die man schon beim Fliegen angetroffen habe. Der Bundeskanzler sei ein geruhsamer Flieger, er fliege mit Zigarre, hieß es da, auch der Außenminister sei ein eher besonnener Flieger, und nun kamen die sogenannten halsbrecherischen Flieger, zwei Ministerpräsidenten und ein Kulturbeauftragter, die wie die Kanonenkugeln nach oben schössen.

Ich drehte das Radio lauter. Daß Sprecher sich versprechen, kommt vor, daß sie Namen falsch aussprechen, kommt ebenfalls vor, daß sie sich so oft versprechen, bis ihnen die Tränen in die Augen schießen und sie vor Lachen nicht mehr weiterkönnen, mag hin und wieder vorkommen, aber daß sie durchdrehen, mitten im Satz einfach durchdrehen und in Ekstase geraten, das ist, soweit ich weiß, bisher noch nie vorgekommen. Man zerrte diesen Mann auch nicht von seinem Tisch weg oder schaltete ihm das Mikrofon ab, im Gegenteil, er kam jetzt richtig in Fahrt und zog mit Worten, als sei ihm der Messias persönlich erschienen, einen Medizinprofessor ins Gespräch, den er als einen Gleiter von hohen Graden ankündigte, als eine fliegende Zier seines Standes.

Der Toast war inzwischen kalt, und das Ei ragte ungeköpft aus seinem Becher. Soweit man das durchs Fenster im Hinterhof erkennen konnte, war tatsächlich schönes Wetter. Ich hatte vor das Küchenfenster auf zwei Dritteln seiner Höhe Transparentpapier gespannt, um mich vor den Blicken der allzu dicht aufsitzenden Nachbarn zu schützen. Das obere Drittel leuchtete ungewohnt hell. Ein großer Schatten glitt vorüber, kurz darauf ein zweiter. Ich öffnete die Fensterflügel und guckte in den Hof. Vom Erdgeschoß aus startete gerade der Hausmeister. Er flog zielstrebig nach oben, die Arme nach vorn gebreitet, und wünschte, als er an meinem Fenster vorbeikam - ausgerechnet er, dieser muffige Mensch! -, mir fröhlich einen guten Tag. Im zweiten Stock war ein Mann im Pyjama auf den Fenstersims geklettert. Seine Frau versuchte schreiend, ihn an den Beinen festzuhalten. Aber der kleine Mann entwand sich ihr und begann mit Armbewegungen, die eher Schwimmübungen glichen, seinen Flug. Er war zu beschäftigt, auf mich zu achten, offenbar traute er seiner Kunst noch nicht ganz, das sah man seiner konzentrierten Miene an.

Ich verspürte nun selbst unbändige Lust, auf das Gesims zu steigen. Ehe ich noch Risiken und Vorteile der ungewohnten Lage abschätzen konnte, zog es mich hinaus. Ungewöhnlich leicht fühlte sich alles an, die Glieder, der Kopf, der Rumpf, selbst meine Kleider. Der Abflug ging unmerklich vonstatten. Kein Absturz, kein Hinuntersacken. Arme und Beine breiteten sich automatisch aus, und schon faßte mich die Luft, die mich gemächlich aufwärts trieb.