Beinahe zehn Jahre mußten vergehen: Glaubt man Martin Walser, haben wir nun endlich bekommen, was wir verdient haben - den Roman zur deutschen Wiedervereinigung, geschrieben von einem ostdeutschen Autor, ausgeliefert wenige Tage vor der Buchmesse zu Leipzig.

Gert Neumann ist der Autor dieses mutmaßlichen ersten deutschen Wiedervereinigungsromans. Gert Neumann war in der DDR ein Mythos. Geboren 1942 in Ostpreußen, Sohn der Parteischriftstellerin Margarete Neumann, Schüler des Literaturinstituts in Leipzig, exmatrikuliert, von der Stasi verfolgt, arbeitete er als Schlosser, Traktorist und Kesselreiniger und war der radikalste aller Dissidenten. Opposition gegen die Staatsgewalt war für ihn bereits Kollaboration. Absoluter Widerstand hieß: Schweigen, Befreiung der Worte von den Gegenständen einer vergifteten Welt.

Nach der Wiedervereinigung war von Gert Neumann nichts zu hören. Bis jetzt, bis zum Roman Anschlag, diesem west-östlichen "Schweige-Duell" oder "Schweige-Duett" zweier Wanderer zwischen Bernau und dem Kloster Chorin. Anders als der sogenannte "Wende- und Berlin-Roman" aus der Feder von Peter Schneider (siehe unsere Kritik auf Seite 2 dieser Beilage) glänzt dieser deutsch-deutsche Roman durch die völlige Abwesenheit der großen Themen. Es geschieht wenig auf dieser Wanderung, es raschelt ein Mantel, es schurrt eine Hose auf märkischem Sand, es wird unendlich viel bedacht und wenig gesagt - am Ende nur dies: "daß das Gespräch der Deutschen ein rührsames Wohnen im Besonderen sein wollte. Ein Wohnen im Erzählen vom Besonderen, wo die Dinge schließlich in die Schläfrigkeit der an ihnen behaupteten Gründe geraten." Sonderbar. Aber einleuchtend, daß sich Neumanns Kollege Martin Walser daran entzünden muß.