Bonn

Rudolf Scharping, vormals Ministerpräsident, Parteichef, Kanzlerkandidat und Fraktionsvorsitzender, ist von Hause aus Pädagoge. Doch wenn er heute über "soziale, kommunikative und politische Kompetenz" spricht, entwirft er nicht das Anforderungsprofil für Lehramtsanwärter. Vielmehr redet er davon, wie er den idealen künftigen Bundeswehrsoldaten sieht. Am Vorabend eines Einsatzes im Kosovo, vermutlich des schwierigsten in der Geschichte der Bundeswehr, klingt Rudolf Scharpings soldatische Kompetenzzuweisung ein wenig idyllisch. Auf Nachfrage fallen ihm natürlich noch ein paar ganz "traditionelle militärische Aufgaben" ein: "Demilitarisieren und Sicherheit schaffen", beispielsweise.

"Durchatmen", "aufatmen", "Luft holen" - das könnte also gut auf seine aktuelle Stimmungslage passen. Aber mit den Begriffen aus der Atemtherapie beschreibt Rudolf Scharping den Wandel, der sich seit dem Abschied Volker Rühes auf der Hardthöhe vollzogen habe. Kein anderes Amt fördere so sehr autoritäre Neigungen. Aber der neue Minister begann mit einer anderen Philosophie: "In keinem anderen Ministerium ist man so sehr auf gegenteiliges Verhalten angewiesen." Mehr muß er nicht sagen. Jeder versteht, was gemeint ist: eine Absage an den rauhen Führungsstil seines Vorgängers. Immerhin galt der während seiner Amtszeit nicht nur als autoritärer, sondern auch als ziemlich erfolgreicher Minister.

Scharping will es dennoch anders machen. Transparenz, Offenheit, Berechenbarkeit, das sind die Begriffe, die ihm zu seinem Führungsstil einfallen. Eine ganze Reihe von Gesprächsrunden mit Offizieren und Mannschaften hat er in den ersten Monaten seiner Amtszeit absolviert, um die Probleme vor Ort zu erkunden. Voller Selbstbegeisterung erzählt er, wie er verdutzte Unteroffiziere bittet, ihm ihre Probleme und die passenden Verbesserungsvorschläge mitzuteilen: "Dienstweg ausgeschlossen." Scharping will "Situationen herstellen, in denen nicht die Hierarchie, sondern nur die Qualität des Gedankens zählt". Gerät die Bundeswehr zu einer Zone des herrschaftsfreien Diskurses? Lebte sie unter Volker Rühe in "Angststarre", wie nach dessen Abgang allenthalben zu hören ist?

Scharping jedenfalls hat sich vorgenommen, das "Ideal der inneren Führung in das Verhalten des Ministers zu übersetzen". Er will sich Vertrauen und Anerkennung erwerben. Und wenn das gelingt, berichtet er gern darüber: Da "sprengt es einem Oberst fast den Hörer aus der Hand", weil der Minister persönlich dessen Meinung einholt. Nach einem Vortrag in der Hamburger Führungsakademie wird Scharping, daran erinnert er sich freudig, mit "prasselndem Beifall" gefeiert. "Das hat es noch nie zuvor gegeben, das hat mir gutgetan." Im Laufe seiner Karriere ist ihm ja gelegentlich das Gegenteil widerfahren.

"Regieren heißt: Überlegen, entscheiden und durchsetzen"

Fühlt er auch deshalb mit der Truppe? Bitteres möchte er ihr nicht zumuten, jedenfalls nicht gleich. Viel Verständnis bringt er auf für den radikalen Umbruch, den die Soldaten der Bundeswehr seit 1990 durchgemacht haben. Strukturreformen, neue Aufgaben, Standortschließungen - Scharping hat keine Mühe, sich in ihre Lage zu versetzen. Die Bundeswehr, spricht der sanfte Sozialdemokrat, das sind "Menschen mit Hoffnungen und Sorgen". Irgendwie vergleichbar den Bergleuten, nur mit anderen Helmen? So würde er das wohl nicht formulieren. Nur den sozial sensiblen Politiker wird Rudolf Scharping auch künftig nicht verleugnen. Ein sozialpolitisch motivierter Strukturkonservativismus könnte die Folge sein.