Sind wir alle nur Schauspieler wider Willen? Am Anfang von Christoph Schlingensiefs Berliner Republik -Spektakel findet Gerhard Schröder in seiner Berliner Kanzlervilla einen Scheinwerfer auf dem Boden. Wo kommt der nur her? Seiner Doris Köpf gesteht er seinen Verdacht, alles, ihr gemeinsames Leben, sei nur von unsichtbarer Hand inszeniert.

Eine Anspielung auf den Film Truman Show, in dem der Protagonist von der Wiege an in der Kulissenwelt einer Daily Soap lebt, ohne es zu merken. Bis eines Tages aus heiterem Himmel ein Scheinwerfer auf die Straße stürzt...

Das kann man von Schlingensiefs zusammengestoppelten Assoziationen über den Kanzler als Möchtegern-Richard-Wagner, über Doris als Möchtegern-Leni-Riefenstahl und über pittoreske afrikanische Asylanten als Statisten einer untergangstrunkenen Berliner Möchtegern-Republik wahrlich nicht behaupten. Die fesselndste Szene ist der Auftritt des leibhaftigen Oskar Lafontaine - per Videoaufzeichnung seines Besuchs in der Volksbühne zwei Tage vor seinem Rücktritt. Er hielt da eine Rede vor SPD-Genossen. Ach, hätte Schlingensief doch diesen Film nur in voller Länge gezeigt! Das hätte mehr über die brüchigen Selbstinszenierungskünste des SPD-Chefpersonals der anbrechenden Berliner Republik ausgesagt als all das Geblödel, das Schlingensief zum Thema eingefallen ist.

So schnell wird in unserer Mediendemokratie politischer Alltag zu mythischer Geschichte: Oskar, eben noch umstrittenster Machtmensch der Republik, jetzt plötzlich nur noch Privatmann - der sich, wie Gerüchte besagen, einen Bauernhof kaufen, sich also, ganz römischer Patrizier in Ungnade, auf seine Landgüter zurückziehen will. Man hängt an Oskars Lippen bei den historischen Aufnahmen und staunt, wie locker er bis zuletzt die Rolle des verantwortungsvollen Politikers gespielt hat. Wenn man solches Material hat, muß man uns nicht, wie es Schlingensief tut, Götterdämmerung ins Trommelfell pusten, um uns daran zu erinnern, daß der Mythos auch in der Postpostmoderne lebt.

Schlingensief verschenkt die Chance, die Verhältnisse für sich selbst reden zu lassen - weil er unfähig ist, wenigstens für ein paar Momente hinter sein leeres Ego zurückzutreten. Er markiert das genialische Enfant terrible - und ist doch nur ein netter, etwas verwirrter junger Mann von nebenan, darauf angewiesen, daß es genügend Leute gibt, die seine pseudo-anarchische Attitüde charmant finden.

Auf der verkrampften Suche nach neuen, noch nicht bewältigten dunklen deutschen Vergangenheiten war Schlingensief neulich in Namibia, wo er Walroßherden und nackte Herreros filmte. Da war doch noch was, das die Deutschen immer noch hartnäckig verdrängen? Ach ja, ihre Kolonialgeschichte mit Massakern an der einheimischen Bevölkerung. Seine Urlaubsdias führt Schlingensief jetzt auf offener Volksbühne seinem verzückten Fanclub vor. Und das ist wirklich genial: Dia-Abende bei Verwandten gelten allgemein als der größte Horror. In der Volksbühne läßt Schlingensief die Leute dafür sogar noch zahlen. "Ich wünschte, wir wären alle wieder Verwandte", murmelt er beim Abgang. In der Volksbühne hat er es fast geschafft: Seine Aufführungen gleichen skurrilen Familientreffen, und sein Publikum gleicht der Verwandtschaft, die sich regelmäßig versammelt, um zu bestaunen, was der Kleine alles kann und was er sich so alles traut. Premierenapplaus: tosend.