Lehrer Herbert Rürup von der Otto-Hahn-Realschule in Herford bringt das Elend auf den Punkt: "Ich habe in meiner Ausbildung nie gelernt, wie man unterrichtet. An der Uni habe ich vor allem Altfranzösisch studiert und nebenbei ein bißchen Pädagogik. Am Lehrerseminar ging es zwar praktischer zu, aber von dem, was ich da gelernt habe, kann ich heute im Unterricht nichts mehr gebrauchen."

Auch Rürups Kollegen haben sich klargemacht, wie schwer es ihnen fällt, guten Unterricht zu geben: das Interesse der Schüler am Stoff zu wecken, ihre Lernbereitschaft zu mobilisieren, ihnen dauerhaft etwas beizubringen, sie gar für etwas zu begeistern - kurz: ein guter Lehrer zu sein. Und was die Lehrer in Herford aus eigener Kraft nicht schaffen, sollen sie nun mit fremder Hilfe in einem einzigartigen Schulprojekt lernen: Es umfaßt sowohl ein organisatorisches Training der Lehrer durch einen Unternehmensberater als auch eine pädagogische Schulung, um künftig die Schüler mehr und die Lehrer weniger arbeiten zu lassen. So soll die darbende Schule wieder zur tragenden Institution werden.

Federführend ist die Stiftung, finanziert aber wird zusammen mit den Kreisen Herford und Leverkusen und dem Schul- und Wissenschaftsministerium Nordrhein-Westfalen. Viereinhalb Millionen Mark gibt die Stiftung; die Kreise je 500 000; das Land eine Million in bar und dazu bis zu zehn Millionen in Form von Lehrerfreistellungen. "Das ist nicht viel. Aber gute Ideen müssen nicht immer teuer sein", sagt Lohre.

Das Vorbild liegt in Kanada. Hier stieß die Bertelsmann Stiftung - getreu ihrem Motto "Vom Fremden lernen" - auf das Durham Board of Education in der Provinz Ontario, ein Schulprojekt, das, wenn man den begeisterten Berichten trauen darf, eine pädagogische Wüste in wenigen Jahren zur blühenden Schullandschaft verwandelt hat.

Aber Herford ist nicht Ontario. Die Schulsanierer aus Gütersloh hatten zunächst einmal Mühe, das niederschmetternde Ergebnis ihrer Umfrage zu verdauen: Der Unterricht ist viel schlechter als alle wahrhaben wollten. Was wurde in der Vergangenheit nicht alles ausprobiert - alle erdenklichen Unterrichtsarten, Kurssysteme, eine neu strukturierte Oberstufe, komplizierte Notenvergabeverfahren oder deren Abschaffung, bis hin zu neuen Schultypen wie die Gesamtschulen. Fast 30 Jahre lang haben Pädagogen und Politiker die Schulen in Deutschland überzogen mit Experimenten, Modellversuchen, pädagogischen Moden. Und nun dieses: Die bestbezahlten und vermeintlich bestausgebildeten Lehrer der Welt leisten den Offenbarungseid. Ist Herford überall in Deutschland? Die Träume von der blühenden Schullandschaft wurden vertagt. Vor allem müßten die Lehrer das Lehren neu lernen, hieß es nun.

Wilfried Lohre war Beamter im Düsseldorfer Kultusministerium, bevor er bei Bertelsmann zum Manager mutierte. "Mein schönstes Kompliment bei der Einstellung war, ich sei kein typischer Beamter", erzählt er. Schon früh war ihm unter den zahllosen Reformern Heinz Klippert aufgefallen. "Ursprünglich auch so 'n beseelter 68er, Maschinenschlosser und dann Lehrer über den zweiten Bildungsweg."

Klipperts Schularbeit wurde in den vergangenen 20 Jahren nur von wenigen Eingeweihten zur Kenntnis genommen, trotz vieler Publikationen und praktischer Projekte in den Schulen. Doch sein Ansatz ist wohl zu unprätentiös, um aufzufallen inmitten all der schulreformerischen Höhenflüge. Klippert will die Schule nicht neu erfinden, sondern einfach verbessern. Und das geht nur, wenn die Schüler mehr arbeiten und die Lehrer weniger.