Der Krieg gegen Serbien, wenn er ausbricht, kann den Tod auch nach Deutschland tragen. Dieser Krieg wird kein Fernsehkrieg, wie wir ihn am Golf erlebt, aber eben nicht erlebt haben.

Während des Golfkriegs hat die Bundesmarine im Persischen Golf Minen gesucht und geräumt. Deutsche Fregatten wirkten an der Seeblockade in der Adria mit. Heeresflieger flogen Hilfsgüter nach Bosnien. Die Luftwaffe war dabei, als es galt, den Luftraum des ehemaligen Jugoslawien zu überwachen. Den Waffenstillstand im Irak kontrollierten auch deutsche Hubschrauberpiloten. Sanitäter der Bundeswehr halfen in Kambodscha. An der Intervention der Vereinten Nationen in Somalia nahmen 1700 deutsche Soldaten teil. Rund 4000 Bundeswehrsoldaten sind jetzt im Einsatz, um den Frieden in Bosnien zu sichern. 3000 sind nach Makedonien gekommen, an die Grenze zum Kosovo. Seit 1945 haben deutsche Soldaten nur einmal auf andere Menschen geschossen, bei einer kurzen Rettungsaktion in Albanien.

Jetzt ist der Zeitpunkt, da man unvermittelt in den Bestimmungen der Bundeswehr nachblättert, unter dem Stichwort "Trauerfeiern": "Militärische Ehren können auf Wunsch der nächsten Angehörigen verstorbener Soldaten (...) durch Gestellung einer Abordnung bzw. eines Ehrengeleites erwiesen werden. Gleiches gilt für Personen, deren Tod durch die Bundeswehr verursacht wurde." Gilt Gleiches für tote Serben?

Von Bonn nach Prishtina, der Hauptstadt des Kosovo, sind es 1500 Kilometer, von Bonn nach Belgrad 1300 Kilometer. Vom Leben in den Tod ist es ein Weg, der sich anders bemißt, und wer weiß, ob ein Soldat, auch nur einer, auf diesem Weg ist? Und ihn vor Augen hat? "Das ist mein Job, da gibt's nichts zu überlegen", sagte einer. Wir kennen diese vor allem selbstbetrügerische, obschon ans Publikum gerichtete Profisprache der Männer. Auf einen Einsatz sei er "mental sehr gut vorbereitet", sagte neulich ein anderer. Wir sind es nicht und möchten es nicht sein. Die Bundeswehr hat für vieles vorgesorgt, Deutschland ist nicht vorbereitet.

Die Mehrzahl der Deutschen kennt den Krieg aus Kriegsberichten, das heißt, sie kennt ihn nicht. Und Kriegsberichte in der Zeitung sind letztlich wie die Kriegsfilme, sie stimmen nicht. Krieg gibt es nicht aus zweiter Hand. Reich ist jenes Vokabular, das Distanz schafft: der Feind, der Einsatz, das Kontingent, die Operation, letztere versehen mit Namen wie "Wüstensturm", auf die kein Gewöhnlichsterblicher käme. Auch die Waffen, "Tornado", "Leopard", tragen Namen der Schnelle, wiewohl selbst der kürzeste Krieg lang ist. Und zum Krieg gehören die Landkarten, strotzend vor Pfeilen und anderen Symbolen der Ferne (siehe Seite 3). Zum Krieg gehören die Toten. Und die übrigen: Der eine kehrt, wie es heißt, unversehrt zurück. Der andere aber, irgendeiner, und wohl nicht nur einer, wird abgeschossen, vermißt, gefangengenommen, gedemütigt, verwundet, an seiner Seele, seinem Körper; vielleicht wird er sich davon erholen und vielleicht nie. In Angst sind seine Nächsten, nicht nur sie. Dieser eine kann jeder sein.