Frage: Was haben sie gemeinsam - die Londoner Schule für Sozialunternehmer, das Bielefelder Armenkaufhaus, der New Yorker Frauenhilfsring Womenshare? Antwort: Im Niemandsland zwischen Markt und Staat entstehen Vorboten eines Sozialsystems jenseits des Wohlfahrtsstaates. Ein internationales Phänomen.

Bürger mit Sinn fürs Gemeinwohl helfen anderen und sich selbst. Sie errichten eine Infrastruktur, die auf dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe beruht.

Neben die Mildtätigkeit tritt das empowerment : eine Strategie, die darauf zielt, die Schwachen zu stärken, die Passiven zu motivieren, die Hilflosen mit Instrumenten auszurüsten, sich selbst zu helfen. Das Ziel ist nicht neu, die Methode schon. Sie könnte das Heilmittel für jene Krankheit werden, die ein Memorandum der Deutschen Bischofskonferenz im Herbst diagnostizierte: Es sei "der Kreis derjenigen größer geworden, die Eigenverantwortung für sich und andere nicht wahrnehmen, nicht wahrnehmen können oder auch, begünstigt durch institutionelle Fehlsteuerungen, glauben nicht wahrnehmen zu müssen".

Eine besondere Form des Empowerments sind die Sozialunternehmen: Firmen, die einen sozialen Zweck mit unternehmerischen Mitteln verfolgen. Wie die Bring's & Kauf Gebrauchtkaufhaus Aktiengesellschaft, die im vergangenen Mai gegründet wurde und gerade die erste Umsatzmillion erreicht hat. In dem ehemaligen Autohaus unweit des Bielefelder Hauptbahnhofs werden auf 1500 Quadratmetern Secondhandwaren und fabrikneue, billige Sonderposten angeboten. Vorstandsvorsitzender ist Christian Presch, der früher als Sozialarbeiter die Bielefelder Arbeitsloseninitiative betreut hat. Nun beschäftigt er 17 ehemalige Langzeitarbeitslose. Bezahlt werden sie nach Tarif. Im ersten Betriebsjahr der AG trägt Nordrhein-Westfalen noch über 80 Prozent der Lohnsumme, im Jahr darauf sinkt die staatliche Unterstützung auf 70 Prozent. Zugleich wird die Lokalmiete in den kommenden drei Jahren steigen, bis sie den ortsüblichen Wert erreicht hat. "Wir haben insgesamt 5 Jahre Zeit", sagt Christian Presch, "dann muß sich dieser Laden rentieren. Darf ich Ihnen noch ein Glas unseres Havariewassers anbieten? Da sind vor kurzem 10000 Flaschen auf der Autobahn von einem Laster gekippt." Jetzt wird das italienische Wasser aus der 1,5-Liter-Flasche zum Spottpreis von 50 Pfennig verkauft. In dem Unternehmen sind aus Sozialarbeitern Manager und aus Langzeitarbeitslosen Festangestellte geworden. Firmen wie Bring's & Kauf, hierzulande noch selten, gehören in einigen Regionen der USA bereits zum sozialen Netz. Immerhin: In den deutschen Großstädten bieten Obdachlosenzeitungen den Ärmsten der Armen einen kleinen Verdienst und ein Umfeld; die solidarischen Medienunternehmen werden von Werbeeinnahmen und Spenden getragen.

Arbeit, Kapital - die Bürger definieren die Begriffe um. Kapital dient nicht bloß dem Gewinn, Arbeit ist nicht bloß schuften für die Firma. Was sie statt dessen sein kann, zeigt das Haus der Eigenarbeit (HEi), gelegen in einem Hinterhof des Münchner Stadtteils Haidhausen. Hier ist Lärm ein Signal des Erfolgs. Laut wird es nämlich, wenn viele Besucher sägen, hämmern oder fräsen. Täglich kommen im Schnitt 50 Menschen aus München und Umgebung, um zu lernen und zu arbeiten. Für einen Stundensatz von maximal zwölf Mark können die Kunden alle Geräte in der Werkstatt benutzen - von der Drehbank bis zum Lötkolben. Mitarbeiter des Hauses beraten und helfen. Im Keller befindet sich eine Druckerwerkstatt, weiter oben im Haus wird getöpfert und genäht, gepolstert und Schmuck hergestellt. Elisabeth Redler, nach eigener Aussage nicht gerade ein Naturtalent, hat hier so viel gelernt, daß sie sich nun selbst Möbel baut. Sie leitet die gemeinnützige Forschungsgesellschaft anstiftung, die das Haus der Eigenarbeit vor mehr als zehn Jahren gründete. Es solle die "Stärke der Menschen fördern", ihnen den Stolz zurückgeben und die Fähigkeit, mit anderen umzugehen.

Zu den Mitarbeitern zählen ehemals arbeitslose Handwerker, Zivildienstleistende, Studenten. Eine junge Schreinerin leitet die Werkstatt. Sie weiß, daß viele Kunden nur kommen, "um Geld zu sparen" - oft sind das keine Sozialfälle. Aber mit ihrem Kurs "Schreinern für Frauen" zum Beispiel leistet sie auch eine Art Sozialarbeit. Das Haus kommt heute ohne Geld der anstiftung aus, die Hälfte des Budgets von rund 600000 Mark im Jahr übernimmt die Stadt. Und Elisabeth Redler ist dabei, das Konzept auf andere Städte zu übertragen. In Wolfen, einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt, hat im vergangenen Oktober das Kreativ-Zentrum eröffnet - mit tatkräftiger Unterstützung aus München. In einer Gegend mit weit über 20 Prozent Arbeitslosigkeit dürfte das Angebot willkommen sein.

Ohne den Staat werden es diese Einrichtungen nicht schaffen. In Wolfen steuert er immerhin zehn ABM-Stellen bei. Wenn aber Besucher vom unteren Ende der sozialen Leiter in solchen Häusern lernen zu lernen, wird sich die Investition für den Staat letztlich rentieren.