Mit 28 Jahren wurde Birgit Messner* Mutter von vier Kindern. Die Grundschullehrerin war so gut wie möglich auf diesen Tag vorbereitet. Sie hatte sich mit dem schwierigen Leben der Geschwister Sören, Nora, Sven und Nicola* auseinandergesetzt. Sie hatte die vier in ihrer Heimatstadt besucht und mit ihnen das Haus in Augenschein genommen, das sie gemeinsam beziehen sollten.

Doch plötzlich mußte es Hals über Kopf gehen: Sechs Wochen früher als geplant trafen die Kinder, 14, 8, 7 und 6 Jahre alt, im Dorf ein. Birgit Messner blieben zwei Tage, um Möbel, Hausrat und ihre persönlichen Dinge zu sortieren. Dann begann ihr Leben als Mutter im SOS-Kinderdorf Worpswede. "Ja, klar hatte ich Angst. Aber als es dann soweit war, blieb keine Zeit dafür."

Das große Wohn-und-Eß-Zimmer mit der Fensterfront zum Garten ist das Zentrum eines wohlgeordneten Haushalts. Durch blanke Scheiben fällt die Wintersonne auf gepflegte Topfpflanzen, zweckmäßige Kiefernmöbel, auf mit Holz oder Klinker verkleidete Wände. Hier herrschen klare Regeln: Wer reinkommt, sagt hallo, platzt nicht dazwischen. Nach dem Essen erst Schularbeiten, danach Spielen und Freizeit - Töpfern, Computerclub, Tischlern in der "Zwergstatt", Musikunterricht... Zum Abendbrot gegen sechs sitzen alle am Tisch. Die Kleineren liegen, sauber gewaschen, um acht im Bett. Strukturen, die Halt geben.

Von den vier Geschwistern, die Birgit Messner damals in ihre Obhut nahm, wohnen Nora, 17, und Nicola, 14, noch immer hier; hinzugekommen sind vor ein paar Jahren Jenny*, inzwischen 9, und Marko*, 10. Drei Mädchen, ein Junge: Das sind die vier, für die Birgit, so nennen die Kinder sie, zur Zeit sorgt.

Es ist nicht ganz leicht, die vielen Lebensfäden, die in diesem Haus, in diesem Dorf zusammenlaufen, im Kopf zu sortieren. Ungleich schwerer haben es die Kinder, das Beziehungsgewirr, in dem sie wurzeln, klarzukriegen.

Zum Beispiel Marko. Ein blonder, stiller Junge mit schüchternem Blick hinter Brillengläsern. Wenn seine leibliche Mutter mal wieder mit einem neuen Mann nach Hause kam, hatte er den Platz an ihrer Seite und in ihrem Bett zu räumen. Dann war er vom Partnerersatz wieder zum ältesten Kind degradiert, das die beiden kleinen Brüder aus dem Weg halten mußte. Es kam vor, daß die Mutter dem damals Sechsjährigen 200 Mark in die Hand drückte: Geh und kauf ein! Wenn das schiefging und Marko anstelle von Brot und Konserven Süßkram und Spielzeug kaufte, gab man ihm die Schuld. Schließlich verweigerte sich der Junge allen An- und Überforderungen. Er schwänzte die Schule, schlug und schrie, haute von zu Hause ab. "Ich werde nicht mit ihm fertig", klagte die Mutter dem Jugendamt. Sie wollte ihn "ins Heim stecken", auf daß der widerspenstige Kerl dort gebessert werde. "Das ist eine Vorstellung, die viele unserer Eltern haben: Ihr Sohn oder die Tochter funktionieren nicht und müssen repariert werden. Dabei ist das Verhalten der Kinder meist ein Zeichen dafür, daß das Familiensystem nicht stimmt", sagt Birgit Messner.

Marko kommt rein und gibt ihr die selbstgeschriebene und verzierte Einladung zum Klassenfest. "Mensch, das hast du toll gemacht!" lobt sie. Der Junge strahlt. Nach zweieinhalb Jahren im Dorf zeigt er deutliche Fortschritte. Sein Grundgefühl, nur geliebt zu sein, wenn er alles richtig macht, weicht langsam wachsendem Selbstvertrauen. Ausbrüche heftiger Aggressionen, die in ihm brodeln und die er vor allem gegen schwächere Kinder richtet, werden seltener.