Der kleine Tumor schläft nur scheinbar. Er schüttet Wachstumsstoffe aus, die Blutgefäße aus dem umliegenden Gewebe herbeirufen sollen. Bald sprießen Adern und liefern dem gierigen Tumor Sauerstoff und Futter: Er wächst sich rasch zum Riesen aus und streut Metastasen. Gelänge es, ihm die Blutzufuhr abzudrehen, dann bliebe er ein harmloser Zwerg.

Mehr als 20 Pharmafirmen suchen nach einer Substanz gegen die Aussprießung von Kapillaren, die Angiogenese, ohne die keine Geschwulst wachsen kann. "Ich schließe nicht aus, daß man so Krebs auf lange Zeit unterdrücken kann", sagt Axel Ullrich, Direktor am Max-Planck-Institut für Biochemie in München, über die Anti-Angiogenese, die allerdings nur bei soliden (festen) Tumoren helfe.

Auch an der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg laufen seit kurzem klinische Versuche an 80 Patienten. Sie erhalten einen Wirkstoff der Firmen Novartis und Schering. Dieter Marmé, in Freiburg Direktor des Instituts für Molekulare Medizin, hofft, bereits im Sommer erste Ergebnisse vorstellen zu können. Er spricht generell von einem neuen "vielversprechenden Therapieansatz". Axel Ullrich und Dieter Marmé testen zwar konkurrierende Substanzen, doch beide bevorzugen leise Töne.

Wie schnell Hoffnung in Hysterie umschlagen kann, hat sich im vergangenen Mai gezeigt. Damals begrüßte die New York Times auf der Seite 1 zwei scheinbar neue Anti-Angiogenese-Mittel, die in Mäusen "Tumoren ausrotten". Krebs sei "in zwei Jahren heilbar", zitierte das Blatt den Nobelpreisträger James D. Watson. Das löste in den Medien einen Wirbelsturm aus.

Die Sensation - und mit ihr die Sehnsüchte Tausender krebskranker Menschen - platzte bereits Tage später wie eine Seifenblase. Der Artikel beruhte auf alten Daten; Watson zog sein Zitat zurück; die Medien überschlugen sich mit Dementis. Im Dezember schließlich erklärte das amerikanische Nationale Krebsinstitut (NCI), die Heilung kranker Mäuse sei nicht zu reproduzieren. Das klang wie der Schlußtusch.

Doch jetzt wendet sich das Blatt wieder. Im Januar berichtete Vikas Sukhatme von der Harvard Medical School in Massachusetts, seine Gruppe habe die umstrittenen Experimente erfolgreich wiederholen können, und zwar an Mäusen mit Nierenkrebs (Cancer Research , Bd. 59, S. 189). Wenig später, im Februar, teilte auch das Krebsinstitut NCI mit, man habe die "erstaunliche Hemmung von Lungentumoren in Mäusen" nun doch bestätigt. Das NCI will im Sommer mit klinischen Versuchen an Krebskranken beginnen. Erst dann wird sich zeigen, ob das, was Mäusen half, auch bei Menschen wirkt.

Die NCI-Forscher konnten ihre Schwierigkeiten erst überwinden, als sie eng mit Judah Folkman kooperierten, der als Pionier der Angiogenese-Forschung gilt: Der 66 Jahre alte Arzt am Kinderkrankenhaus der Harvard Medical School ist für seine Sturheit bekannt. Bereits vor 30 Jahren hat er vermutet, eine Geschwulst müsse sich Blutgefäße des Körpers herbeirufen, damit sie bösartig wachsen kann. Und da die Angiogenese in jedem Menschen vorkommt - im wachsenden Embryo, in verheilenden Wunden, bei der Menstruation der Frau -, würde sie durch körpereigene Stoffe reguliert.