Der Skandal schreit zum Himmel. Wieder einmal hat Goethe über Schiller triumphiert. Am 31. Januar hatte im eigens renovierten Weimarer Nationaltheater ein neu inszenierter Faust Premiere. Wallenstein aber, die größte deutsche Tragödie, wurde schnöde vom Spielplan entfernt. Man schreibt das Jahr 1999, Weimar ist Kulturhauptstadt Europas, doch "das furchtbar-herrliche Schauspiel der alles zerstörenden und wieder erschaffenden und wieder zerstörenden Veränderung" (Schiller) wird nicht aufgeführt. Warum?

Unbeantwortet bleibt ein Telegramm an den Bundespräsidenten, der als Schirmherr verantwortlich zeichnet. Kein Kommentar von den offiziellen Stellen der Stadt. Also ist Bürgersinn gefordert, muß der mutige einzelne ein Zeichen setzen, das die Masse mitreißt.

Links ab schwenken wir über den Marktplatz hinunter zum Flüßchen Ilm, das Goethe jahrelang als Badezimmer mißbrauchte und das unser Wegweiser an diesem Tage sein wird. Vorbei am klotzig-klassizistischen Goethe- und Schiller-Archiv gewinnen wir die Tiefurter Chaussee und sind nach einer halben Stunde im "Musenhof" der Anna Amalia. In den guterhaltenen Schauräumen des Schlößchens erinnert uns ein Altersbildnis Goethes - es zeigt ihn erschöpft und faltig - an unsere Mission. In Oßmannstedt, etwa zehn Kilometer von Weimar entfernt, erreichen wir das Landgut Wielands.

Der Traum seines Lebens, den er sich hier erfüllte, geriet ihm nach dem Tod seiner praktischen Frau rasch zum Alptraum, denn der zarte Rokokopoet war als Gutsherr denkbar ungeeignet. Schiller, der sich durch "ein Gedränge kleiner und immer kleinerer Kreaturen von lieben Kinderchen" zu ihm durcharbeitete, mochte er gut leiden, wenn er dessen Dichtkunst auch stark verbesserungsbedürftig fand. An Wielands Grab, romantisch in eine Ilm-Schleife an der schönsten Stelle des Parks gebettet, halten wir eine Gedenkminute für den Begründer des Teutschen Merkurs, der ersten deutschen Kulturzeitschrift.

Kaum drei Kilometer weiter haben wir auf schmalem, am Hochufer der Ilm entlangführendem aussichtsreichem Feldweg Oberroßla erreicht und damit den Ort, an dem Goethe als Ökonom reüssieren wollte. Dank eines unfähigen Verwalters brachte der Besitz nur Ärger und Verluste, und der Olympier war schließlich froh, ihn mit Anstand wieder loszuwerden.

In der alten Ausspannstation An der Poche, einige Kilometer hinter Apolda an der B87 gelegen, machen wir Mittagsrast und geben unsere erste Pressekonferenz. Während das Interesse der Lokalzeitungen zu wünschen übrigläßt, ist die Resonanz der überregionalen Medien groß. Aus Frankfurt kommt die Redakteurin eines Internet-Magazins, und selbst eine Hamburger Wochenzeitung hat ihren Kulturkorrespondenten geschickt.

Bei Kohlroulade und Hackbraten mit Rotkraut und Klößen erläutern wir Sinn und Zweck unserer Demonstration. Kulturhauptstadt Europas zu sein, dies war noch Mitte 1998 unstrittig, konnte nur heißen, auf den 250. Geburtstag Goethes und den 240. Schillers Bezug zu nehmen und die beiden bedeutendsten Stücke der Weimarer Klassik, Goethes Faust und Schillers Wallenstein, im weswegen denn sonst renovierten Nationaltheater zu spielen. Beide Werke sind aufwendig zu inszenieren. Wann, wenn nicht jetzt, hätten Geld und Zeit zur Verfügung gestanden?