Dresden

Mönche mit orangeroten Gewändern sitzen auf der Erde und singen buddhistische Mantras. Eine Tempeltrompete und die scharfen Klänge von Zimbeln begleiten ihr tiefes Rezitativ. Anderswo in der Stadt hat sich eine jüdisch-christliche Gemeinschaft zum Meditieren versammelt, Derwische sind bei einer Gemeinde zu Besuch. Und in einer Schulklasse erläutert ein Geistlicher, worin sich die sunnitische Richtung des Islam von der schiitischen unterscheidet und was sie mit dem Christentum verbindet. Doch im Zentrum ist immer wieder Musik.

So stellt sich der Kulturmanager Roland Haas eine Novemberwoche in Dresden vor. Er will das Weltfestival sakraler Musik in die sächsische Hauptstadt bringen. "Musik ist elementar. Durch sie kann man am einfachsten Zugang finden zu etwas Fremdem und dadurch Gemeinsamkeit und Verständnis erleben", sagt der Mann aus Stuttgart. Angeregt durch den Dalai Lama, das geistliche Oberhaupt der Tibeter und Friedensnobelpreisträger, soll in der Zeit kurz vor und nach der Jahrtausendwende auf jedem Kontinent ein Treffen der Religionen stattfinden. Damit soll die gemeinsame Verantwortung für das Wohlergehen aller Lebewesen manifestiert werden. Los Angeles, Kapstadt, Sydney, Tokyo und Bangalore in Südindien haben bereits zugesagt. Für Europa wünschen sich die Initiatoren Dresden als Austragungsort, jene Stadt zwischen Ost und West, wo gerade mit viel Geld und Liebe die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Frauenkirche wieder aufgebaut wird. Doch ob die Klänge fremder Religionen in der Elbmetropole zu hören sein werden, ist fraglich, denn der evangelische Landesbischof Volker Kreß hat scharfen Protest angemeldet. "Es besteht die Gefahr, daß die Öffentlichkeit einen merkwürdigen Eindruck erhält und nicht versteht, worin die Unterschiede eigentlich liegen", erläutert der Sprecher des Landeskirchenamtes, Matthias Oelke, die Position des Landesbischofs. Schließlich kämen Anhänger anderer Religionen in Dresden nur im Promillebereich vor. Obendrein seien gewichtige theologische Fragen bei solch einem Vorhaben zu bedenken, die nur sehr behutsam und mit ernsthafter Vorbereitung angegangen werden könnten. Das Festival aber sei ein "Schnellschuß". Erst im Februar habe man überhaupt von dem Plan erfahren.

Bloß eine Werbeveranstaltung der tibetischen Heiligkeit

Zudem ärgert sich der protestantische Bischof darüber, daß der Dalai Lama ausgerechnet am Abschlußtag in Dresden auftauchen will. "Bei einem europäischen Festival dieser Art hätte ich mir zum Beispiel Bachs h-Moll-Messe als Höhepunkt gewünscht, nicht aber dieses inhaltlich vorprogrammierte Finale", teilt Volker Kreß schriftlich mit. Und Pressesprecher Oelke sekundiert, daß die christlichen Kirchen sich nicht für eine "Werbeveranstaltung" der tibetischen Heiligkeit einspannen lassen könnten. "Muß man devot zu Kreuze kriechen, wenn andere über die eigenen Räumlichkeiten verfügen?" fragt er empört.

Stadt- und Landesregierung beugten sich der Position des Bischofs, nachdem sie zunächst sehr angetan auf die Festivalidee reagiert hatten. Und auch Kreß' katholischer Amtsbruder schloß sich dessen Votum an - wenn auch offenbar weniger aus Überzeugung als aus Opportunismus. "Hier gibt es nur drei bis vier Prozent Katholiken. Das ist finsterste Diaspora", begründet eine Kirchenmitarbeiterin, warum ihr Oberhirte keine andere Meinung vertreten könne als der evangelische Bischof.

Doch gottesfürchtige Leute gehören in Dresden sowieso zur Minderheit; bei weniger als einem Drittel der Bürger hat das Einwohnermeldeamt unter dem Stichwort "Bekenntnis" einen Eintrag verzeichnet. Aber auch viele Kirchenmitglieder wollen sich mit Kreß' Standpunkt nicht abfinden. "Als noch zahlendes Mitglied der evangelischen Kirche fühle ich mich gekniffen, wenn der Landesbischof die Differenz ins Zentrum stellt und andere damit ausgrenzt", sagt Friedrich-Wilhelm Junge, der das Theater Dresdner Brettl auf einem Schiff betreibt. Die ganze Geschichte erinnere ihn an DDR-Zeiten, als Parteivertreter vor jeder Westreise anrückten und den Schauspielern einimpften, sich ja nicht von der Glitzerwelt des Klassenfeindes blenden zu lassen. "Hat der Landesbischof so wenig Vertrauen in die religiöse Standhaftigkeit seiner Schäfchen, daß ein tibetischer Mönchschor oder ein muslimischer Muezzin an den Festen des christlichen Glaubens zu rütteln im Stande ist?" fragt Junge in einem offenen Brief, den er zusammen mit anderen an die Regionalpresse geschickt hat.