Wir haben es immer geahnt und gehofft. Nun wissen wir es: Unser aller Jürgen ist eine empfindliche Seele. Mag der Umweltminister auch Nachbarländer mit seiner Atomangst erschrecken oder Parteifreundinnen die Zunge rausstrecken, im tiefsten Herzen sehnt er sich nach Innerlichkeit und Reinheit des Fühlens. Kein Wunder daher, daß er für das Verschwinden des Kabinettskollegen die empfindlichste Metapher fand. Durch den Weggang Lafontaines, so klagt Trittin, sei die Koalition "ihrer Romantik entkleidet" worden.

Nun steht Rot-Grün also nackt da. Bar jenes Eichendorffs aus dem Saarland, der mit seiner sensiblen Steuerreform und seinen romantischen Attacken auf die Europäische Zentralbank das Gemüt ergriff. Kälte zieht ein in die Regierungszirkel, gegen die auch Gerhards Brioni-Mäntel nicht helfen. Die blaue Blume, in Bonn wird sie ohne Oskar endgültig verdorren.

Dürfen wir trotz Trittins Schmerzen ein wenig Freude bekunden? Hartherzig, wie wir Wähler nun einmal sind, stand uns der Sinn ja immer mehr nach Taten als nach Träumen der Regierung. Und wenn bei den Roten und Grünen jetzt tatsächlich Realpolitik die Romantik ersetzte ... ? Das wiederum wagen wir kaum zu hoffen.