Den Namen Paul McCartney sprechen sie in Siegen schon lange nicht mehr voll aus. "PMC" heißt es nur noch. Das ist geschäftsmäßig gemeint, ein wenig ehrfürchtig klingt es auch. PMC beschert der südwestfälischen Kreisstadt das Medienereignis ihrer Geschichte. Schon 272 Zeitungsberichte, im Kulturamt der Stadt hat man sie genau gezählt, sind seit der ersten Pressekonferenz Anfang März erschienen. 400 Journalisten werden gar erwartet, wenn der Star am 30. April höchstpersönlich die Ausstellung eröffnen wird. Das hat die Welt noch nicht gesehen: Öl- und Acrylbilder von Paul McCartney.

Dabei versucht Wolfgang Suttner, Kreis-Kulturdezernent, jeden Ansatz von Starkult um den Ex-Beatle im Keim zu ersticken. Immer wieder betont er die Ernsthaftigkeit McCartneys als Maler, lobt dessen "polyästhetisches" Talent, den "kommunikativen Umgang mit Farbe und Kompositionsprozessen". Schließlich hat er den Weltstar auf diese Weise nach Siegen geholt: indem er ihn als bildenden Künstler ernst nahm.

Anfang der neunziger Jahre war es, Suttner besuchte mit seiner Tochter ein McCartney-Konzert in Dortmund, als er in einem Interview las, der Musiker bewahre einen ganzen Haufen Bilder in seinem Keller auf. Eigene Bilder, echte McCartneys! Suttner, gelernter Kunstlehrer, Fachautor und Mitglied im Deutschen Kunstrat, schrieb einen Brief. Es folgte eine Einladung nach England, ein erstes Treffen und viele weitere. Um nicht vor Ehrfurcht zu erstarren, berichtet Suttner, habe er McCartney zunächst mit "Mr. Miller" angeredet. Bild für Bild habe er mit dem Künstler durchdiskutiert, Experten aus England und Deutschland zu Rate gezogen und vieles aussortiert, bis nach fünf Jahren jene 75 Gemälde übrigblieben, zu denen beide "Yes" sagen konnten. Dann, endlich, war es soweit: McCartney sagte auch "Yes" zu Siegen als Ausstellungsort.

Siegen. 100 000 Einwohner, Oberzentrum der Region zwischen Hagen und Gießen, eine Stahlstadt in der Krise. Nicht eben der Ort für das Debüt eines Malers, der als Musiker in New York und London mühelos Säle füllt. Aber, sagt Suttner, es gehe McCartney um ein Feedback zu seinen Bildern, die bis dato nur seine Familie und Freunde gesehen hätten. Der Maler soll im Mittelpunkt stehen, nicht der malende Ex-Beatle, wie es in London oder New York passieren würde, bloß das nicht. Lieber also etwas tiefer gehängt: Siegen - da kommt keiner auf die Idee, der Aussteller wolle sich mit den Großen der Gegenwartskunst messen.

So arbeitet Wolfgang Suttner jetzt an der Quadratur des Kreises: Werbung weltweit, in allen Medien, das ist er den Siegenern schuldig - aber nicht mit dem Markenzeichen "Beatle", sondern für einen bislang unbekannten Maler namens Paul McCartney. 1,4 Millionen Mark kostet die Ausstellung, 600 000 Mark davon nimmt Suttner aus Töpfen der Wirtschaftsförderung. Siegen hofft auf einen Imagegewinn, der sich später auf dem mühseligen Weg des Strukturwandels irgendwie in barer Münze auszahlen soll. "Zweitnutzen für die Region", nennt Suttner das.

Nicht alle in Siegen sind davon überzeugt; in der Lokalzeitung beschwerte sich ein Geschäftsmann darüber, "daß so viel Geld ausgegeben wird für einen der reichsten Männer Englands".

Für das Ausstellungsteam des Kulturbüros hat unterdessen ein unerbittlicher Countdown begonnen. Erst langsam wird klar, auf was man sich da eingelassen hat: Die Kreisliga-Kicker müssen plötzlich in einer Weltauswahl mitspielen. Denn PMC denkt nicht daran, dem kleineren Partner Konzessionen zu machen. Sein unbekannter Maler, das räumt Suttner mittlerweile ein, "verhält sich wie ein Popstar". Für die Reproduktion der Bilder im Ausstellungskatalog mußten Experten mehrmals nach England fliegen, um anhand der Originale die exakten Tonwerte auf der Farbskala zu ermitteln.