Schwere Zeiten für Britannien, wenn selbst das Lieblingsspiel nicht mehr klappt. Fast fünf Sommer ist es jetzt her, daß aufgeputschte Teenager, vor die Alternative Blur oder Oasis gestellt, in einem spektakulären Kassenplebiszit knapp für das Reformmodell votierten. 50 000 verkaufte Singles mehr für Blur bei Ladenschluß! Das Ereignis drang bis in die abendlichen BBC-News vor, und das mit Recht. Schließlich will die Welt es wissen, wenn das Königreich seine alljährliche Beatles-Erscheinung hat.

Daß derartige Wunderzeichen seither ausgeblieben sind - niemand bedauert das mehr als die Musikpresse der Insel. Es herrscht Notstand an Bands, die sich zum nationalen Dauerkult emporschreiben lassen. Eine traditionsreiche Hysterie ist im Niedergang begriffen, und schuld ist der Euro(beat). Nein, der Amirock. Die elektronische Revolution, die das Frickelgenie dem klassischen Vierer-Team gegenüber modern gemacht hat. Alles falsch, der Schuldige ist Tony Blair. Seit der sein jungdynamisches, investitionsfreundliches "Cool Britannia" ausgerufen hat, wirken Popbands automatisch wie Juniorpartner in einer Koalition der Dienstleister. Das steigert vielleicht das Bruttosozialprodukt, killt aber den Thrill.

Blur jedenfalls hassen Blair. Das neue England sieht sie in einer endlosen Strukturreform begriffen. Immer noch wollen die vier Freunde aus Londons Mittelschicht die beste Band der Welt sein, aber es fehlt ihnen an Programmatik. Sex, Drogen, Rock 'n' Roll? Haben die Erzrivalen von Oasis gerade in einer proletarischen Seifenopernvariante recycelt. Glamour? Sitzt jetzt in der Regierung und lächelt telegen. Blur tun, was rockenden Poorboys in solch einer Situation zu tun bleibt: Sie streifen das Label "Britpop" ab. In einer Flucht nach vorn suchen sie die verlorene Unschuld im Off der Images.

13 heißt die neue CD, und bereits das Cover kündet von der Ruhe nach dem Bildersturm. Keine Namen, keine Faxen, noch nicht einmal mehr ein Foto der Band. Produzent William Orbit, bereits für die Modernisierung Madonnas verantwortlich, hat die vier in Studioklausur geschickt, wo sie jammen, jammen und nochmals jammen mußten, auf daß unter dem Geröll von Klischees wieder Substanz zum Vorschein komme. Und wirklich, beim allerersten Hören klingt das nicht mehr nach dem guten alten Britpop-Song mit seiner nostalgischen Sehnsucht nach Erdbeerfeldern und blauen Vorstadthimmeln. "Come on, come on, come on", "Gimme good times" - wie Ruinen ragen die alten Imperative der Bühnenanimation aus dicken Schichten Lärm, während Sägezahnkurven im Verein mit Feedbackschlaufen den Melodien gewaltsam in die Parade fahren. Dazu singt Sänger Damon Albarn von verlorener Liebe und verwalteter Welt.

Das Klassenziel ist klar: Blur wollen jetzt auch eine dieser experimentellen Bands sein, die Sound vor Song setzen, weil sie gelernt haben, was "Dekonstruktion" bedeutet. Seltsam nur, daß spätestens beim zweiten Durchlauf dann doch die historischen Vorbilder durchscheinen. Dieses Tremolo vor hochdramatischer Gitarre ... genau, ein Bowie-Song, der sich im Staub gewälzt hat. Tender, die Single: eine waschechte Hippiehymne in der Tradition von John und Yoko. Blur wirken in ihrer artifiziellen Naivität wie Kinder, die sich mit ihrem Spielzeug versteckt haben, aber aus Angst, man könnte sie nicht wiederfinden, vorsichtig um die Ecke linsen. Das ist nichts Schlimmes, denn wovon handelt Pop, wenn nicht vom Wert des Wiedererkennens? Man sollte bloß ehrlicherweise dazusagen, daß Blur-Musik vor allem von der Sehnsucht nach dem Lieblingsspiel getrieben wird. Drückt uns! sagt sie. Und setzt uns bitte wieder auf die Titelblätter!

Die Wiedergeburt des Popsongs aus dem Geiste des Handwerks

Abgeklärter gehen XTC an die Sache heran. Der ekstatische Name ist bloß eine ironische Altlast, die ihnen aus Punkzeiten anhängt. Schon damals waren sie schwer einzuordnende Männer der zweiten Reihe, denen allzuviel Öffentlichkeit Angst einzujagen schien. Heute kümmert sie Blair noch weniger, als sie Thatcher je gekümmert hat, und auf Tour gehen sie auch nicht mehr. Zum Duo geschrumpft, genügt es ihnen vollkommen, als Schmuckeremiten des Britpop in aller Stille an ihrer historischen Mission zu basteln: der Verbesserung der Beatles.