Der Berg kotzt Blut. Er spuckt seine Eingeweide aus, einen armdicken Strom aus mattem dunkelrotem Stein. Hundertfach bohrt das Metall ihm Löcher in den Leib. Dann stopfen die Männer die Wunden mit Sprengstoff, und die Explosion reißt dem Berg sein Innerstes heraus. Es hat etwas Schamloses, zuzusehen, wie die Erde entblößt, was sie 280 Millionen Jahre lang verborgen hat. Manchmal rächt sie sich dafür.

Aber dieser Berg ist ein guter Berg, gut zum Tunnelbauen. Fester Fels, der nicht in sich zusammenstürzt, wenn man ihn durchbohrt. Tag für Tag, Nacht für Nacht sprengen sich die Männer in die Erde hinein. "Schießen" sagen sie, jeder Knall ist ihnen ein kleiner Sieg über die Natur. In 1,70-Meter-Schritten arbeiten sie sich vorwärts: Bohren, schießen, betonieren - 10 Meter in 24 Stunden. Sie sind die ersten Menschen, die diese steingewordenen Überreste von Seen, Flüssen, Pflanzen und Tieren zu Gesicht bekommen, von der Erdgeschichte zu Fels gepreßte Landschaften, die einmal glühten, lavarot.

Hier, 60 Meter unter dem Thüringer Wald, wird der längste Straßentunnel Deutschlands gebaut, der Rennsteigtunnel. Zwei Röhren, jeweils 7,9 Kilometer lang. In vier Jahren werden sie die Autos im Sekundentakt einsaugen, und die Reisenden werden nichts ahnen von den Qualen, die der Stein zu leiden hatte, denn über die Narben des Bergs wird eine blanke Betonhaut gewachsen sein. Vier Tunnel sollen entstehen zwischen Geraberg und Suhl, insgesamt 12 Tunnelkilometer auf 20 Kilometer Autobahn, dazu neun Brücken. Von den vier Fahrspuren wird nicht viel zu sehen und nur wenig zu hören sein. Die Umweltschützer sagen, eine Autobahn braucht hier keiner. Für sie ist es ein Wahnsinnsprojekt, für Ingenieure ist es eine Herausforderung.

3,5 Milliarden Mark kostet die gesamte Strecke, 4,2 Millionen allein die Betonmischanlage am Südportal des Rennsteigtunnels. 250 Leute arbeiten auf der Baustelle, die Hälfte von ihnen lebt auch hier, in kunstholzverkleideten Wohncontainern. Eine baustelleneigene Kantine gibt es, Büros, Werkstätten, eine Kläranlage und Bunker für den Sprengstoff. Als die Tunnelarbeiter im Herbst hier angekommen sind, saßen auf den Bäumen Umweltschützer aus ganz Deutschland, und Hirsche liefen über die Baustelle. Jetzt kommen jeden Tag 20 Laster, und wenn die Mineure im Tunnel sprengen, fällt draußen der Schnee von den Fichten.

Kalt ist es am Rennsteig. Wenn die Tunnelbauer zum Nordportal fahren, wo der Wind besonders eisig ist, sagen sie: "Ich geh' nach Sibirien." Wenn sie sich auf den Weg in den Tunnel machen, sagen sie: "Ich geh' ins Loch." Dort hängen die Eiszapfen vom Lüftungsrohr. Zwei Sekunden nach der Sprengung fallen sie als Eisregen herunter. Dabei ist es im Tunnel wärmer als draußen. Je tiefer die Menschen in den Berg eindringen, desto mehr spüren sie die Wärme seines Körpers. Anderswo, wo sich das Gestein über der Röhre 700 Meter hoch türmt, steht den Männern der Schweiß bis zu den Knöcheln in den Gummistiefeln, dann wird es 30 bis 40 Grad heiß. Unter dem Rennsteig, bei Tunnelmeter 300, sind es nur 60 Meter Überdeckung, und den Männern schmerzen die Knochen von der Kälte.

Reiner kennt Deutschland von innen. 35 Jahre ist er alt, geschieden wie viele hier. Er kommt aus dem Salzburger Land, und seit 14 Jahren gräbt er sich durch Deutschland. Er hat der Erde in Bonn, Dortmund und Stuttgart unter den Rock geguckt. Am Rennsteig bohrt er die Löcher für die Munition. "Die Steine sind überall anders", sagt er, "du weißt nie, was kommt." Das ist es, was die Tunnelbauer reizt: die Ungewißheit, ob nicht in der nächsten Schicht aus dem guten Berg ein schlechter Berg wird. Ob sich nicht doch einmal die Spur von Menschen findet, ob sich nicht ein unterirdischer See in die Röhre ergießt.

Als sie in München einen U-Bahn-Tunnel gebaut haben, haben sie einen Mammutzahn gefunden, erzählt Reiner. Und als sie am Rennsteig mit dem Vortrieb angefangen haben, sind sie auf ein 100 Jahre altes privates Bergwerk gestoßen. Sie sind hineingestiegen in den 70 Meter langen Stollen, und als sie wieder herausgekommen sind, klebte ihnen das Mangan wie schwarze Schmierseife im Gesicht.