Er paßte nie in die Zeit. Als er in Deutschland auftauchte, fand man ihn 1974 in den Pappkartons des Flohmarkts. Noch einer, der als zu spät gekommener Dylan seine Endloslyrik herunterhechelte, bis sie endlich vom Refrain eingefangen wurde, noch ein Folksänger, den seine Band mit den elektrischen Segnungen des Rock'n' Roll versah. Später, in Punk-Zeiten, beschwor er Thunderbirds und Autokinos, zur New Wave schmachtete er von verlorener Liebe an Flußufern, und als man Pop zur Stilfrage deklarierte, beklagte er die Sozialfälle in Nebraska. Er spielte seine eigene Zeit - ein Weltstar.

One, two, three, four ... Am 23. September wird Bruce Springsteen 50, das Kramen im Archiv gerät zur beschaulichen Kür, während Frau Patti Scialfa im Zimmer nebenan am neuen, eigenen Album bastelt, die Kinder Evan, Jessica und Sam den Geschichten aus den wilden alten Zeiten lauschen, da Papa einsam auf dem Highway die Freiheit suchte. Tracks titelt "The Boss" die vier CDs mit 66 Stücken, die er aus 10 B-Seiten und 56 unveröffentlichten Songs zusammengestellt hat: eine chronologische Übersicht aus all den Liedern, die am Straßenrand liegengeblieben sind.

"Columbia pop audition: Mary Queen Of Arkansas. Take one", beginnt Produzent John Hammond, und zur akustischen Gitarre erzählt der 22jährige Bruce, was später nur mit Band erschien. Eine sanfte Offenbarung, diese drängende Stimme eines jungen Mannes, der nicht warten kann, der mehr will, vier wunderbarste Stücke lang. Ein großer Schauspieler auch, wenn er in einer Live-Aufnahme aus dem Max's Kansas City, nur von Danny Federici auf dem Akkordeon begleitet, Bishop danced singt, vor Kraft fast platzt, dann einlullend wispert, um mit "One, two, three, four ..." loszulegen, mehr war auch später nicht möglich, die Musik ist der Mann, "have mercy, baby".

Für Bossologen ist es eine Fundgrube, mit den röhrenden Saxophonhymnen von Clarence Clemons, den stimmungsgrundierenden Orgeltönen im Philadelphia-Sound, den übermütigen Fetzern und herzgefährdenden Schmonzetten, die damals nicht in die Stimmung des jeweiligen Albums paßten. Erhellende Textgenese auch, die Varianten seines Lieblingswortes "edge" zu verfolgen, zu hören, wie der gleiche Text in verschiedene Melodien schlüpft - "Ein paar gute Zeilen sind selten, warum also wegwerfen? -, oder zu sinnieren, warum Born In The USA in dieser Fassung gescheitert wäre - wer will das schon? Wir brauchen die Kraft und Herrlichkeit seiner Stimme, ein paar Geschichten und einen Freund, der sich Columbia 492605 kauft. Die guten Tracks passen auf eine 60-Minuten-Kassette.