Ein Konflikt spitzt sich zu. Wie berichtet (ZEIT Nr. 41/98), hat Gerd Lüdemann, Professor für Neues Testament an der Universität Göttingen, sich vom christlichen Glauben losgesagt - beharrt aber darauf, Theologieprofessor zu bleiben. "Ich will an der Theologischen Fakultät nur weiter tun dürfen, was ich bei meiner Habilitation versprochen habe: der Wissenschaft dienen und die akademische Jugend im Geist der Wahrheit erziehen."

Und das heißt für ihn: das Neue Testament und andere frühchristliche Quellen auf ihren historischen Kern untersuchen, also Ernst machen mit dem, was in der Theologie unter dem Titel "historisch-kritische Methode" ja durchaus praktiziert wird. Aber eben: Ernst machen. Die Quellen vorbehaltlos untersuchen, auch auf die Gefahr hin, daß der Sühnetod Jesu, seine Gottessohnschaft, Auferstehung und rettende Wiederkunft sich allesamt als Attribute erweisen, die Jesus von Nazareth nachträglich übergestülpt wurden und mit der historischen Wirklichkeit nichts zu tun haben.

In der Tat, zu diesem Ergebnis ist Lüdemann gelangt. Dagegen schritt die evangelische Kirche ein. Der Mann muß aus der Theologischen Fakultät entfernt, sein Lehrstuhl muß neu besetzt werden, forderte sie vom niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur. Und sie konnte das so offensiv fordern, weil Kirchen hierzulande Körperschaften öffentlichen Rechts sind. Durch besondere Verträge steht ihnen zu: Einzug der Kirchensteuer durch den Staat, feste Präsenz im öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Fernsehen, konfessioneller Religionsunterricht als reguläres Schulfach und konfessionelle Theologie als reguläre universitäre Wissenschaft.

Der Staat muß bedienen, er muß seine Finanzverwaltung, Sendezeiten, Räume, Ausstattung und Gehälter zur Verfügung stellen. Aber wie die Steuer verwendet, Sendezeit und Lehre gestaltet werden, bestimmen allein die Kirchen.

Das Ministerium zeigte sich konzessionsbereit. Über Lüdemanns Verbleib war noch nicht entschieden, da war schon Geld da für eine weitere neutestamentliche Professur, C 4, jährlich etwa eine Viertelmillion Mark. Auch wenn Lüdemann noch amtiere, so die kirchliche Argumentation, sei er ein kompletter Ausfall für die theologische Lehre.

Bei Lüdemann gesehen zu werden empfiehlt sich nicht

Den sogenannten Ausfall hatte die Kirche freilich selbst produziert, indem sie Lüdemann die kirchliche Prüfungserlaubnis entzog, von ihm ausgestellte Seminarscheine nicht mehr anerkannte und seine Lehrveranstaltungen damit zum bloßen Zusatz für alle Studenten machte, die ihr Examen bei der Landeskirche ablegen, in deren Dienst sie treten möchten. Und das ist die große Mehrheit. Bei Lüdemann auch nur gesehen zu werden empfiehlt sich für sie nicht.