Honolulu

Nun, da "ABM" wieder einmal in der Alphabetsuppe der Sandkastenstrategen schwimmt, plagt Moskau ein schwerer Fall von Déjà vu.

Der Kreml schluckte in den achtziger Jahren Präsident Reagans "Sternenkrieg"-Bluff und ging pleite, weil er versuchte, mit den Konkurrenten jenseits des Ozeans gleichzuziehen. Ich erinnere mich an die Debatte, die 1986 in Reykjavøk in der sowjetischen Delegation stattfand, bevor der amerikanischsowjetische Gipfel begann. Die "strategische Verteidigungsinitiative" Ronald Reagans wurde heiß diskutiert. Diesen Plan zu verfolgen hieß jedoch, den ABM-Vertrag von 1972 zur Begrenzung der Antiraketensysteme zu verletzen. Deshalb redeten die Amerikaner davon, vorzeitig aus diesem Vertrag auszusteigen.

Während der Diskussion in unserer Delegation äußerte ich die bescheidene Meinung, SDI sei eine "Stern"-artige Täuschung, die nicht ernst genommen werden müßte. Marschall Sergeij F. Akhromeyew, der damalige Chef des Generalstabs, schob meine Argumente auf der Stelle beiseite. Er nahm SDI sehr ernst.

So unglaublich es heute auch klingen mag, beide Seiten kamen in Reykjavøk einer Einigung über die nukleare Abrüstung nahe. Stellen Sie sich die heutige Welt vor, wenn das geklappt hätte. Aber sie schafften es letztlich nicht, weil Michail Gorbatschow darauf bestand, Reagan müsse sein Lieblingsprojekt aufgeben. Der weigerte sich, das zu tun. Heute stimmen alle darin überein, daß das ganze SDI-Unterfangen nicht mehr als ein Bluff war. Das gaben viele Amerikaner schon 1983 zu, kurz nachdem die Idee unter die Leute gebracht worden war.

Lassen Sie uns das Argument von den "Schurkenstaaten" betrachten, gegen deren mögliche Raketen das neue, begrenzte US-Abwehrsystem schützen soll. Zuerst einmal gibt es keine "Schurkenstaaten", obwohl es gewißt schurkische Führer gibt. Die Annahme, einige von ihnen könnten, falls sie denn über ballistische Raketen verfügen sollten, nur so aus Spaß New York oder Honolulu bombardieren, ist einfach paranoid. Sie wissen nur zu genau, daß das Ergebnis die "gesicherte Zerstörung" ihrer Länder wäre. Und selbst schurkische Führer sind nicht selbstmörderisch. Im übrigen haben sie andere Mittel, um den USA das Leben schwerzumachen: Terrorismus, Bomben in Reisekoffern und so weiter.

Paradoxerweise läßt sich dieselbe paranoide Logik auch auf der russischen Seite entdecken. Russische Strategen reden über die "Destabilisierung der strategischen Situation". Ein amerikanischer Rückzug aus dem ABM-Vertrag und der neue "Schild" über den Vereinigten Staaten könnte Washington zum Erstschlag provozieren, sagen die Strategen.