Bisher hat er es nur mit Serviettenringen durchexerziert, aber der amerikanische Designer Karim Rashid ist zuversichtlich, daß er es bald auch mit Vasen, Tapeten oder Sofas schafft: die computergesteuerte Produktion von Unikaten am Fließband. Gelingt die Erweiterung des Programms über die Dimensionen von Serviettenringen hinaus, dann könnte sich jeder per Internet das gewünschte Produkt selbst entwerfen, egal ob Möbel oder Gemälde. Jeder Konsument ein Künstler?

Bei Joseph Beuys war dieser Gedanke noch ein philosophisches Experiment, mit dem der Magier vom Niederrhein mehr auf die conditio humana im Allgemeinen zielte und weniger auf die konkreten Lebensumstände. Heute betreiben immer mehr Menschen die Produktion ihrer Identität im Medium von Mode, Design oder Musik. Weil die überkommenen Institutionen ihre Verbindlichkeit verlieren, weil Arbeit, Familie, Kirche keine Verhaltensnormen mehr vorgeben, müssen sie diese Aufgabe selbst übernehmen. Unterstützt vom technologischen Wandel entwickelt sich eine immer ausgefeiltere Ästhetik der Selbstverwirklichung. Holten Väter und Großväter ihre Maßstäbe noch aus dem Museum, geben jetzt Lebensstil-Gemeinschaften, geleitet durch Kino, Fernsehen und Hochglanz-Magazine, die ästhetischen Maßstäbe vor.

Welche Aufgabe bleibt den Museen in der computerisierten Gesellschaft? Ursprünglich war die Funktion des Museums zutiefst politisch. Es erfüllte nicht nur einen Bildungsauftrag für jene unmündige Bevölkerung, "who get a taste when exposed to art" - so jedenfalls heißt es in der Programmschrift des British Museum, das zu einer der ersten Gründungen am Ende des 18. Jahrhunderts gehörte. Es lieferte auch nicht nur ein "Übungsfeld" öffentlichen Räsonnements, wie Jürgen Habermas das beschrieb. Vor allem waren die Museen Disziplinierungsmaschinen. Sie produzierten ein vorher unbekanntes Subjekt, den Staatsbürger: enthaltsam, schweigend, tiefsinnig.

Vor dem Kunstwerk verstummt jeder Dialog. Ob man mit Familie oder im Kreise von Freunden die stillen Hallen betritt: die Kunstbetrachtung vereinzelt und bringt zum kontemplativen Schweigen. Nichts macht dieses eiserne Gesetz bewußter als lärmende Kleinkinder, die den Kodex noch nicht verinnerlicht haben und deshalb auch die Sorgepflichtigen in eine unbequeme Situation bringen. Die Störung der Etikette macht ihre Zwanghaftigkeit um so deutlicher. Dennoch fühlt sich der Museumsbesucher als Teil einer Gemeinschaft, in die er sich nicht aktiv, durch das Gespräch, einfügt, sondern durch Teilhabe an einem universalen Wissen, von dem er annimmt, daß es auch alle anderen um ihn herum leitet. Die Museumsgemeinschaft ist eine Projektion, die auf einem stillschweigenden wechselseitigen Einverständnis beruht. Für diese Erfahrung muß der Ausstellungsbesucher seine unmittelbaren, persönlichen Bedürfnisse aufschieben. Dabei ordnet er sich nicht nur dem Genie unter, mit dessen Werken er konfrontiert ist, sondern auch den Experten der Kunstgeschichte. Allerdings wird er mit einer Autorität belohnt, die ihn gegenüber der ungebildeten Masse auszeichnet. Das Museum ist nicht einfach ein Gebäude, es ist ein komplexer Apparat, zu dem die Experten ebenso gehören wie die Künstler und ihre Werke, sogar die Aufsichten, die darüber wachen, daß die in der Architektur, der Ausstellung und in den Werken kodierten Verhaltensvorschriften auch tatsächlich eingehalten werden.

Das Subjekt, das der Apparat Museum produziert, ist der Prototyp des demokratischen Staatsbürgers. Darin liegt die politische Bedeutung der Museen im 19. Jahrhundert. Sie sind modellhaft für jene Art institutioneller Versammlungen, die mit der Entwicklung der repräsentativen Demokratie entstehen, den Parlamenten. Was als Eigenart kunsthistorischer Entwicklung erscheint, ist das Fundament einer Abstraktionsleistung, die Voraussetzung des bürgerlichen Staates ist. Der Demokrat weiß, wie der Kunstbetrachter, seine eigenen Bedürfnisse aufzuschieben und sie einem abstrakten Ideal unterzuordnen. Die autonome Kunst der bürgerlichen Epoche stellt mitsamt den sie repräsentierenden Momenten eine kulturelle Form dar, deren Funktion es ist, eine Art von Subjektivität zu produzieren, die der Idee eines Staatsbürgers angemessen ist.

Die Unterscheidung zwischen Ökonomie und Kultur ist aufgehoben

Mit dieser Art von Museum haben die Menschen offensichtlich die Geduld verloren. Der Direktor einer städtischen Galerie, der eine Ausstellung zur deutschen Gegenwartskunst plant, möchte gern ein Swatch-Auto verlosen, "damit die Besucherzahlen stimmen". Wer sein Ausstellungshaus nicht einem Vergnügungspark anzugleichen versteht, der hat schlechte Karten. Heute zeichnet sich keiner mehr durch Kunstkenntnis gegenüber dem Kulturbanausen aus, und entsprechend haben die Experten ihre Autorität eingebüßt. Enthierarchisierung auch in der Kultur! Heute stiften große Erzählungen wie die Kunstgeschichte keine Gemeinsamkeiten mehr, was sowohl an der Skepsis gegenüber jeder großen Systematik liegen mag wie an der mangelnden Geduld, sie sich anzueignen. Vor allem aber hat sich jene ideelle Gemeinschaft aufgelöst, für die das Konstrukt Kunstgeschichte der Schutzschild war und deren Existenz jeder einzelne voraussetzte, bevor er überhaupt ein Ausstellungshaus betrat.