Paris Glaubwürdigkeit ist ein teures Gut. Die attraktive Exgeliebte von Roland Dumas, Christine Deviers-Joncour, hat seit einem Jahr so viele Halbwahrheiten erzählt, daß man ihre Worte vielleicht bloß als Fortsetzung eines unterhaltsamen Justizfeuilletons wahrgenommen hätte - wenn sie ihre jüngste Aussage nicht mit der Preisgabe einer Schweizer Kontonummer untermauert hätte: 22,5 Millionen Franc waren auf dem Konto.

Dieser Beleg gibt auch dem Rest ihrer Anschuldigungen gegen den langjährigen sozialistischen Außenminister Dumas einen besonderen Wert: Dumas habe gewußt und gebilligt, daß der damals staatliche Ölkonzern Elf sie als Geliebte und Einflußagentin mit insgesamt 66 Millionen Franc honoriert habe. Beim Kauf einer 320-Quadratmeter-Luxuswohnung in der Rue de Lille, so ließ sie erkennen, habe sie bloß als Strohfrau gedient. Nutznießer sei in erster Linie Dumas gewesen. Er habe in der Wohnung nahe am Außenministerium politische und geschäftliche Essenstermine abgehalten, während sie in der Küche saß und wartete.

Die Affäre Dumas ist ein verwickelter Skandal, der große Teile der politischen Elite Frankreichs und auch die Institutionen der Republik schwer belastet: Dumas ist bislang Präsident des Conseil Constitutionnel gewesen, des Verfassungsrats. Damit stand er - aus gutem Grund theoretisch unabsetzbar - an der Spitze des obersten Aufsichtsorgans im Staate Frankreich. Am Dienstag um Mitternacht hat er die Konsequenzen aus der Affäre gezogen und einen zeitlich unbegrenzten Urlaub angetreten. An seiner Stelle amtiert vorübergehend der Älteste unter den verbliebenen acht Ratsmitgliedern.

Ein Fall wie der Dumas' ist in der Verfassung und den begleitenden Gesetzestexten nicht vorgesehen - genausowenig wie sein Auslöser, die eventuelle Bestechlichkeit des Amtsinhabers. François Mitterrand hatte seinen Freund und Weggenossen in einer seiner letzten Entscheidungen als Staatspräsident im Februar 1995 zum Präsidenten des Verfassungsrats ernannt. Das verleitet manchen Beobachter, den Dumas-Skandal als Erblast eines Prunksozialismus abzutun, der mit Mitterrands Tod erledigt ist.

Tatsächlich ist er in seiner ganzen Breite Ausdruck eines politischen Systems, in dem sich die verantwortlichen Personen seit Jahrzehnten kennen, immer wieder unter wechselnden Konstellationen begegnen und der Schwerkraft des allgemeingültigen Gesetzes durch ihre Verquickung mit der Macht schließlich enthoben glauben. Das Maß, an dem der gewöhnliche Bürger gemessen wird, haben sie längst verloren. Das gilt für den brillanten Juristen Roland Dumas genauso wie für Edith Cresson, deren Halsstarrigkeit am Ende die gesamte EU-Kommission zu Fall brachte. "Ich fühle mich nicht schuldig", sagte sie dieser Tage noch einmal, "was ich getan habe [einem Bekannten einen lukrativen Auftrag verschaffen, Anm. der Red.], ist in französischen Regierungen gang und gäbe."

Kann der Präsident nur bei Hochverrat angeklagt werden?

In beiden Fällen, Dumas und Cresson, ist das Schweigen der politischen Eliten Frankreichs auffallend. Der sozialistische Premierminister Lionel Jospin, der den Anspruch auf eine moralische Inventur und Erneuerung der politischen Sitten erhebt, hat in einer aktuellen Stunde der Nationalversammlung nur eine hölzerne Erklärung zu den Ereignissen in Brüssel abgegeben. Anschließend schickte er seinen jungen Europaminister ins Feld, der mit hochrotem Kopf und schwitzend nach nichtssagenden Formulierungen suchte. Aber auch die Opposition hat die Gelegenheit nicht genutzt, um ihre Messer zu wetzen.