Die bewegte Pause

Ein Spielmobil auf dem Schulhof fördert die Kreativität und senkt dieGewalt. Kinder, Eltern und Lehrer haben daran Spaß von Anja Dilk

Die achte Klasse hat ausnahmsweise etwas früher Schluß. Große Pause. Klassentüren fliegen auf, Horden aufgekratzter Schüler strömen auf den Pausenhof. Swenja und Marie, Jens, Steffen und Micha rennen um die Wette zum kleinen Schulhof hinter den Tischtennisplatten. Denn heute ist Pause nicht einfach Pause. Heute ist am Hamburger Heisenberg-Gymnasium die Pause aktiv. Ein Schulhofhappening.

Eingemummelt in Daunenjacke, dicke Lederstiefel und rote Wollmütze, turnt Holger Laurisch durch einen Wald von ungemein aufregendem Spielgerät: Doppelund Tandempedalos - parallel verbundene, bewegliche Bretter auf vier Rädern, die aussehen wie von David Copperfield in Roller verwandelte Doppelwhopper -, bodennahe Funracer mit Tretantrieb, Trimmstepper, Balancier- und Federbretter, Drehschüsseln und Moonhopper. "Ohne Norm in Form" steht auf dem buntbemalten Anhänger. Wie aus einem Füllhorn quillt aus ihm Stück für Stück eine kunterbunte Spielewelt heraus. Auf der Wiese hat Holger Laurisch einen Hockeyplatz abgeteilt. Ein Dutzend Kids bolzt sich dort die Lunge aus dem Hals. Swenja und Marie jagen gickernd auf einem Tandemroller um die Kurve. "Das ist endlich mal etwas anderes", ruft die 14jährige Marie. "Geil", findet selbst der Oberstufenschüler mit der Baseballkappe und kippt von seiner Spiralscheibe, die so verflixt unberechenbar eiert.

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Seit 1995 tourt Holger Laurisch mit seinem Spielmobil über Hamburger Schulhöfe. Was der Sportpädagoge jahrelang an seiner eigenen Schule erprobte, macht er seit vier Jahren im Auftrag der Schulverwaltung. Rund 150 Schulen hat der 58jährige mittlerweile besucht, 50 weitere stehen auf der Warteliste.

Aktive Pause nennt Laurisch sein Projekt. Das Ziel: Pausen attraktiver machen, Schüler zu Bewegung animieren, Freiraum für kreatives Spiel bieten. Wenn sich Politiker, Lehrer und Pädagogen Gedanken über Schulreform machen, geht es meist um Unterricht und Curricula. Falsch, sagt Laurisch, die Pause gehöre genauso zur Schule: "Hier können sich die Schüler frei entfalten und regenerieren. Bewegung ist ein ganz wichtiges Lebensmittel."

Der Lehrer bleibt im Hintergrund. Geräte und Spielzeug sollen die Schüler zwar zum Spielen, Rumtoben und Ausprobieren anregen. Doch was sie damit anfangen und was nicht, das entscheiden sie selbst.

Die Schüler lassen Dampf ab, ohne sich zu kloppen

Keine Frage, wo 80 Prozent der Schüler eine ungesund gekrümmte Wirbelsäule haben und schon beim Hüpfen auf einem Bein auf die Nase fallen, weil sie nach Ansicht von Sportmedizinern mehr und mehr die Fähigkeit verlieren, ihren Körper zu beherrschen, werden Pausen voller Bewegung immer wichtiger. Doch die Aktive Pause ist nicht nur Motivation und Koordinationstraining. Sie reduziert die Unfallgefahr und fördert die Geschicklichkeit. "Die Aktiven Pausen sind gewaltfrei", sagt Laurisch. "Die Schüler werden ausgeglichener, lernen danach leichter und lieber." Oder, wie Margarete Benzig von der Hamburger Schulbehörde, formuliert: "Wenn Kinder in der Pause etwas tun können, kloppen sie sich nicht."

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