Gloria kommt aus Ghana und lebt in New York. Ihr fünfjähriger Sohn kam krank zur Welt. Er hat eine offene Stelle am Kopf und eine am Magen und müßte eigentlich ständig ärztlich behandelt werden. Gloria und ihr Sohn sind dabei auf die Hilfe ihrer - auch nicht gerade reichen - Familie angewiesen, denn ihr Mann zahlt keinen Pfennig Unterhalt. Das allein ist noch nicht ungewöhnlich. Aber Glorias Mann arbeitet für die Vereinten Nationen, und deshalb kann auch sein Lohn nicht gepfändet werden.

Wer in hoher Position bei den UN arbeitet, den schützt die diplomatische Immunität. Und auch wer nicht immun ist, darf sich auf dem UN-Gelände sicher fühlen, denn dort hat die New Yorker Polizei nichts zu suchen, und das Familiengericht darf noch nicht einmal rechtskräftig ein Schriftstück zustellen. "Wir lungern in der Regel vor dem Eingang des UN-Hauptgebäudes herum, um den zahlungspflichtigen Männern das Urteil in die Hand zu drücken, falls die nicht vorher durch die Hintertür entwischen", erzählt Dianne Boernstein, eine New Yorker Anwältin, die viele solche Frauen vertritt.

Vom achten Stock des Bürohauses an der First Avenue hat man einen wunderbaren Blick auf das Hochhaus der Vereinten Nationen und über den East River. Aber den drei Dutzend Frauen in dem kleinen Raum fehlt die Lust, die Aussicht zu genießen. Das allmonatliche Treffen der UN Family Rights Commission gilt dem Kampf gegen die UN-Bürokratie, um Unterhalt, Rente und Unterstützung für Kinder. Frauen aller Hautfarben sind hier, aus allen Kontinenten. Die jüngste ist die 25jährige Christine aus Trinidad/Tobago, die von ihrem Mann vor drei Jahren mit einem 16 Monate alten Kind sitzengelassen wurde, die älteste die 71jährige Audrey Camp Nekunam, eine von einem Iraner geschiedene Amerikanerin.

In den Treffen werden Neuigkeiten diskutiert und Briefe an die Weltbank, die Unicef oder die Weltgesundheitsorganisation WHO entworfen. Letzten Mittwoch war Sherri Donovan zu Gast, die für den Dachverband der US-Frauen arbeitet, die Now (National Organisation of Women). Auch die Now könne Druck auf die Vereinten Nationen machen, bietet sie an. Boernstein ist skeptisch. Die USA schulden den UN Beiträge in Millionenhöhe, Druck aus den Vereinigten Staaten sei deshalb "eher kontraproduktiv".

UN-Mitarbeiter können von Nairobi über Genf bis nach New York versetzt werden. Die Ehefrauen ziehen mit ihnen und müssen dabei oft ihre Jobs aufgeben, haben aber kein eigenes Aufenthaltsrecht im fremden Land und damit keine Arbeitserlaubnis. Viele Männer aus arabischen oder afrikanischen Ländern entdecken in der Fremde die Segnungen ihres heimatlichen Eherechtes, wenn sie sich trennen wollen, und beantragen, die in den USA oder Europa lebende Frau verstoßen zu dürfen, gelegentlich sogar, ohne dies auch nur mitzuteilen. "Ich hatte hier eine Frau aus der Dominikanischen Republik, die erfuhr erst, daß sie geschieden war, als sie ihre Kinder zum Arzt brachte und der sagte, daß die Krankenversicherung nicht mehr besteht", erzählt Boernstein.

Allein in New York sind 100 UN-Frauen betroffen

Auch Gloria aus Ghana ist ein solcher Fall. Sie ist nun praktisch illegal in den USA und kann jederzeit abgeschoben werden, aber in Ghana als geschiedene Frau zu leben ist unmöglich - und die Scheidung, die ihr Mann ohne ihr Wissen durchgesetzt hat, könnte sie dort auch nicht anfechten. Inzwischen hat sie eine Verfügung des New Yorker Familiengerichts, wonach ihr Unterhalt zusteht, aber ihr Exgatte zahle einfach nicht, sagt sie. Kein Einzelfall, meint Boernstein: Das Problem sei nicht, den Unterhalt gerichtlich zu erstreiten, sondern das Geld einzutreiben. Denn die Rechtsabteilung der Vereinten Nationen weigere sich, Lohnpfändungen zuzulassen. "Die argumentieren: Wenn sie einmal einer Lohnpfändung zustimmen, kommt als nächstes Saddam Hussein und will die UN-Inspektoren für die Bomben haftbar machen."