Kleinmachnow

In einer Gruppe von 17 abgestorbenen Eichen im Berliner Speckgürtel hat ein Biologe vor wenigen Wochen Spuren eines fünf Zentimeter langen Käfers entdeckt. Die Eichen, "tote Brüder" genannt, stehen am Ufer des Teltowkanals bei Kleinmachnow. Es ist das Handicap des Käfers, der den Namen großer Eichbock oder Heldbock trägt, daß er nur im Holz toter Eichen überlebt. So wurde er in unseren urbanen Zeiten zunehmend zum Opfer von Flurbereinigungen. Auf der roten Liste geschützter Arten hat ihm das einen Ehrenplatz eingebracht, und unter passionierten Käferexperten gilt das nachtaktive Tier als schönstes seiner Gattung. So begehrt es ist, die wenigsten haben es je gesichtet.

Seine Entdeckung in dieser nördlichen Zone Europas hat den Käfer zum Akteur eines politischen Plans gemacht. Er soll helfen, ein Vorhaben zu kippen, dem die Einwohner von Kleinmachnow in seltener Einmütigkeit trotzen - wie einst das berühmte gallische Dorf der römischen Weltherrschaft. Und, ja: Das unschuldige Tierchen hat auch den geballten ostdeutschen Frust über westdeutsche Fernsteuerung aufbrechen lassen.

In unmittelbarer Nähe der Bäume nämlich liegt die Kleinmachnower Schleuse. Wie der ganze Kanal ist sie Teil eines der größten Erschließungspläne der Bundesregierung. Ziel des "Verkehrsprojekts Deutsche Einheit Nr. 17" ist es, den Schiffahrtsweg von Hannover über Magdeburg bis nach Berlin auszubauen. Unter den Verkehrsplänen zur deutschen Einheit ist Nummer 17 der einzige, der sich mit der Binnenschifffahrt befaßt. Die 16 anderen Projekte gelten dem Straßen- oder dem Schienenverkehr.

Nummer 17 ist ein gigantisches Vorhaben. Bei Kleinmachnow, auf den Kilometern sieben und acht der sogenannten Berliner Südtrasse, ist der Jahrhundertplan, für den die Bundesbehörden mit aufwendigen Hochglanzbroschüren werben, schwer ins Stocken geraten. Denn die in einem Landschaftsschutzgebiet gelegene Schleuse muß ausgebaut werden: Ohne massive Eingriffe in die Natur ist die freie Fahrt für große Schiffe nicht zu haben. Auf jeder Schleusenseite müßten knapp 40 Meter des Ufers auf ein paar 100 Metern Länge abgetragen, ein 40 Meter breites Waldstück am Kanal müßte halbiert werden. Treffen würde es auch jene 17 "toten Brüder", die bislang das geringste Hindernis zu sein schienen. Nun aber krabbelt darin ein Käfer gegen den Rest der Welt.

Am Südrand von Berlin, gleich hinter dem feinen Stadtteil Zehlendorf gelegen, prägen alte Bäume den ländlichen Charakter von Kleinmachnow; es gehört zu den bevorzugten Wohnlagen für die Begüterten, die die Hauptstadt wollen, ohne auf idyllische Ruhe zu verzichten. Die Quadratmeterpreise liegen in dem Ort, der exorbitante Zuwachsraten verzeichnet, bei 500 Mark - für Brandenburger Verhältnisse schwindelerregend und unerreicht.

Hinzu kommt, daß Kleinmachnow in ganz besonderem Maße von Rückübertragungsansprüchen geplagt ist. Seit 1990 hat mehr als die Hälfte der Bewohner ihre Häuser an Westdeutsche abtreten müssen. Eingesessene Kleinmachnower hört man klagen, der Ort habe sich bis zur Unkenntlichkeit verändert; ihre Heimat sei das nicht mehr.