Erst brannten die Häuser der chinesischen Minderheit auf Java. Dann wütete die Gewalt überall und gegen jeden: Auf den Molukken metzelten sich Christen und Muslime nieder, auf Osttimor fielen Prointegrationisten über Freiheitsaktivisten her - und nun der grausame Höhepunkt: In Kalimantan, dem indonesischen Teil der Insel Borneo, mordeten einheimische Stämme die Zuwanderer aus Madura auf bestialische Weise. Mehr als 160 Maduresen starben; die Täter stellten stolz Leichenteile zur Schau.

Erklärungen drohen ob solcher Bilder zu versagen. Weder die vielzitierten ethnischen und religiösen Spannungen noch die sozialen Verwerfungen im krisengeschüttelten Indonesien vermögen verständlich zu machen, warum Menschen enthauptete Schädel auf Stöcke spießen oder sich gegenseitig aufessen.

Versinkt das Land nun vollends im Chaos? Trotz des allgegenwärtigen Grauens ist es zu früh, Indonesien, die viertgrößte Nation der Erde, als den verlorenen Archipel abzuschreiben. Noch weht ein Rest von Hoffnung über die Inseln. Sie richtet sich auf den 7. Juni, auf den Tag, an dem die Indonesier mit den ersten demokratischen Wahlen seit vier Jahrzehnten die Ära Suharto endgültig abschütteln wollen. Die Eliten des Landes sind sich einig, daß nur ein solcher Urnengang den Vielvölkerstaat aus dem Chaos führen kann. Alle Kräfte, die in dieser Übergangszeit eine Rolle spielen - die Regierung Habibie, die großen Oppositionsparteien, die Muslimvereinigungen, ja sogar die führenden Militärs - bemühen sich um Mäßigung. Das ist ein Glück. Ausweglosigkeit droht Indonesien erst, wenn eine der tragenden Gruppen aus dem Konsens ausschert.