Beschämend für die einst so stolze Firma Nissan, daß sie von nun an mit dem Stigma miuri leben muß: "seinen Körper verkaufen" bedeutet das Wort. Es stammt aus den Zeiten, in denen verarmte Japaner ihre Töchter an Bordellbesitzer verkauften. Heute bezeichnet man so den Verkauf eines Unternehmens - sei es ganz oder teilweise - an die Konkurrenz. Nissans Deal mit Renault wird nun in der japanischen Presse als das größte miuri aller Zeiten diskutiert.

Wenn der Vorstand von Nissan am kommenden Sonntag das Angebot einer Kapitalbeteiligung aus Paris annimmt, dann mag das aus globaler Perspektive ein weiteres Beispiel für die Fusionslust der Autoindustrie sein - eine logische Konsequenz der DaimlerChrysler-Hochzeit. Doch für viele Japaner hat dieses Geschäft auch eine emotionale Komponente. Nissan war und ist einer der ganz großen Namen der "Japan AG". Noch vor nicht allzu langer Zeit jagte dieser Markenname der Konkurrenz in Europa und Amerika Angst ein. Nissan und die anderen Japaner, so fürchteten viele, schickten sich an, die Autoindustrie des Westens aufzufressen. In Japan war man stolz auf den Autokonzern, der nach Toyota zum Zweitgrößten des Landes heranwuchs. Und nun kommt er nicht mehr ohne ausländische Hilfe aus.

Was Renault genau geboten hat, ist noch nicht bekannt. In Paris und Tokyo ist von einer Beteiligung in Höhe von 600 Milliarden Yen (rund neun Milliarden Mark) die Rede. Das wären etwa 35 Prozent, würde Renault-Chef Louis Schweitzer also eine Sperrminorität und damit das Vetorecht bei wichtigen Entscheidungen der Japaner verschaffen. Dieser Status ist nach japanischem Recht bei einer Kapitalbeteiligung von mindestens 33,4 Prozent zu haben. Nissan ließ lediglich verlauten, daß man einer Beteiligung durch Renault "positiv" gegenüberstehe und das Angebot "ernsthaft" erwäge.

"Ein potentieller Geschäftszusammenschluß mit Renault wird Nissan bedeutende Vorteile und Synergien in vielen Bereichen sichern", sagt Nissan-Chef Yoshikazu Hanawa, "eine solche Partnerschaft würde unsere beiden Firmen zu einem der stärksten und wettbewerbsfähigsten Autohersteller der Welt machen." Ob das so kommt, wird man erst abwarten müssen.

Die Gruppe würde über Nacht zum viertgrößten Autokonzern der Welt werden. Beide Hersteller haben vergangenes Jahr zusammen 4,7 Millionen Autos verkauft und liegen damit, dem Absatz nach gerechnet, hinter General Motors (8,78 Millionen), Ford-Volvo (7,72) und Volkswagen (4,75). Nissan und Renault stünden jedoch noch vor Toyota (4,46) und DaimlerChrysler (4,02). Um die "kritische Masse" zum Überleben des globalen Konkurrenzkampfes müßte man sich nach dem Deal in den Vorstandsetagen von Renault und Nissan keine Sorgen mehr machen.

Allerdings: Nissan hat Schulden. Auch da kennt keiner die genaue Zahl, denn bei kreativer Buchführung und beim "Verstecken" von Unternehmensschulden in den Büchern von Tochterfirmen sind die Japaner Weltklasse. Der Konzern spricht von 2500 Milliarden Yen, also einem Schuldenberg von 40 Milliarden Mark. Manche Beobachter glauben, es könnten sogar noch deutlich mehr sein.

Vor allem dieser Schuldenberg soll den DaimlerChrysler-Manager Jürgen Schrempp bei seinen Besuchen in der Nissan-Zentrale ernüchtert haben. Nach "intensiven Gesprächen" hatte Schrempp Anfang März erklärt, daß er sich gegen eine Beteiligung entschieden habe. Bei Renault aber, so kommentierte die Financial Times mit sanfter Ironie, habe man dieses "Nein danke" aus Stuttgart offenbar eher als Ansporn denn als Warnung verstanden. Viele Marktbeobachter äußern Zweifel, ob der gerade erst selbst genesene französische Konzern in puncto Kapitalstärke für die Belastung durch Nissan gewappnet ist. Auch kulturelle Barrieren werden dieses erste europäisch-asiatische Amalgam stärker belasten als etwa DaimlerChrysler. "Ford hat 20 Jahre gebraucht, um Mazda auf Vordermann zu bringen, nachdem es sich 1979 eingekauft hat", erinnerte die japanische Tageszeitung Yomiuri Shimbun warnend, "Renault hat nicht soviel Zeit."