Die Landstraße ist diesmal solide geteert, ein Kascheurmeisterstück zum Anfassen. Vorbei am legendären kahlen Baum, einem ebensolchen Meisterstück, schneidet sie durch eine bis auf ein paar verdorrte Halme nackte Felskuppe, um in leichter Biege zum Publikum hin abzufallen. Die Schneeflusen, die auf ihr treiben, und der graublaue Rundhorizont-Himmel lassen einen beim bloßen Anschauen frösteln.

Die Bühne, die Gilles Aillaud dem Regisseur Luc Bondy für En attendant Godot im Lausanner Théâtre-Vidy gebaut hat, ist eine Trompe-l'oeil-Falle. Sie lädt uns ein in ein überwältigendes, täuschend echtes Stück Leben einzutauchen, noch bevor wir in die lieben alten Refrains dieses Mythos des modernen Theaters einstimmen. Dementsprechend kommen die beiden Männer, die sich wie jeden Abend zum Wartedienst einfinden, nicht wie giacomettidünne Leidensfiguren, nicht wie schäbige Chaplin-Tramps mit Melone daher. Sie erscheinen vielmehr wie Bekannte aus dem wirklichen Leben: Roger Jendly (Estragon), mit Parka, zerbeultem Hut, wirrem, blutverklebtem Haar und stieren wäßrigen Augen, könnte ein schlafsüchtiger Originalclochard sein. Serge Merlin (Wladimir) hingegen, in dunkelblauem Dufflecoat, schwarzer Wollmütze und zu engen spitzen Schuhen, die ihn zusammen mit seiner schwachen Blase zum ständigen Trippelgang anhalten, wirkt wie ein neurotischer Pariser Intellektueller.

Man traut seinen Augen und Ohren nicht: Diese beiden Gegenwartskumpel, die sich schnelle Ehestreit-Wortgefechte liefern, Trennung androhen und doch wieder in heftigen Umarmungen versöhnen wie in einer französischen Filmkomödie, sie sollen Becketts zwei Fatalisten sein, geborene Verlierer, suizidäre Untergeher? So viel Leben war nie in Godotland. Nix da von trauriger Lakonie, allenfalls ein höhnisches Zitat, wenn sich die beiden die berühmten, sechsmal wiederholten Refrainsätze zuspielen: "Komm, wir gehen." - "Wir können nicht." - "Warum nicht?" - "Wir warten auf Godot." - "Ach ja."

An dem Theaterfuror, den Bondy entfesselt, kann man ablesen, wieviel er in seinem Kopf wegräumen mußte bei diesem - nach Glückliche Tage mit der wunderbaren Christa Berndl 1980 in Köln - zweiten Beckett-Versuch: einem Text, dem sich wie keinem ununterscheidbar das Klischee "beckettsch" angelagert hat, und dazu fünfzig Jahre Aufführungsgeschichte, die vor allem eine von Stilübungen war.

Als Maßstab galt in Deutschland lange Becketts eigene Godot-Inszenierung in Berlin in den Siebzigern, die in ihrer Stilisierung, in ihrem Minimalismus verdächtig nach Brecht-Schule roch. Eine Zufuhr von Leben brachte dann in den Achtzigern Tabori, der das Stück mit dem brüderlich vertrauten Schauspielerpaar Lühr/Holtzmann ebenso schlicht wie raffiniert als Theaterprobe deklarierte.

Ein derartiger Trick wäre Bondy wohl fremd: Die Illusion der Probe herzustellen, das röche ihm auch wieder nach Zeigetheater, nach Schule. Lieber schafft er Illusionen von Leben, die den Gedanken an Theater vergessen machen. Nicht ohne Ironie drum, daß ihm der große Theaterauftritt von Herrn Pozzo mit seinem Sklaven Lucky am brillantesten gelingt. Wie noch nie gesehen, kommt François Chattot hereingetänzelt: ein transvestitisch angetunteter Zirkusdompteur in Schlangenlederstiefelchen und femininer Leopardenhaube (Kostüme: Marianne Glittenberg), der sogleich von eitel bis brutal alle Register eines Theaterregisseurs zieht. Seinen Lucky, einen in der Erniedrigung würdigen kahlköpfigen Intellektuellen in weißem Leinenanzug (Gérard Desarthe, vor zehn Jahren Chéreaus Hamlet), quält er in verlogener Bonhomie, als wäre er das Opfer, nicht der Täter. Damit bestrickt er vor allem Estragon, der sich ihm in der Hoffnung auf weitere Hühnerbeinalmosen als Luckys Nachfolger anbietet: Freiwillig wickelt er sich schon mal die Leine um den Hals.

Hier, in diesen Studien über Ambivalenz, über Verkehrung von Täter- und Opferrolle, ist Bondy unvergleichlich erfindungsreich - und zugleich Beckett treu. Da kann er sich sogar ein Unterspielen leisten, das den Autor gewiß erstaunt hätte: Den berühmten pseudoakademischen Vortrag ("Denk, Schwein!") hält Desarthe ganz frei, ohne pathologische Ticks. Er spricht ihn sitzend wie beiläufig privat, mit nachdenklichen Pausen, bis ihn Wladimir und Estragon von der Hügelkuppe herab mit einem Hagel von Apfelschalen zum Schweigen bringen.