Säuberlich scheidet der Gärtner das Nützliche vom Schönen, und selbst wenn er gelegentlich der prächtigen Wohlgestalt eines Kohlkopfes gewahr wird, kommt er nicht auf den Gedanken, das Blumenbeet damit zu schmücken; dafür, so meint er, gibt es den Zierkohl - und dann ist er baß erstaunt zu hören, daß man diesen auch essen kann: So verläßlich funktionieren die herkömmlichen Ordnungskategorien.

Wenn aber Gärtnerin und Gärtner bereit sind, sich über solche Üblichkeiten hinwegzusetzen, dann verwischen sich die Grenzen zwischen Nutzgarten und Blumengarten: Der Mangold darf in die Staudenrabatte einwandern, der Spargel den Hintergrund für die Phloxe abgeben - und fürs Abendessen wird schon mal im "Ziergarten" geerntet.

Die Dahlien zum Beispiel müssen ein paar Blüten hergeben für einen aparten Salat. Nur noch Salz, Pfeffer und Öl brauchen wir an die abgezupften Blütenblätter zu geben, denn eine feine Säure bringen sie schon mit. Die zaghafte Köchin wird sich darauf beschränken, Dahlienblüten nur als Beiwerk zu grünem Salat zu verwenden, während die mutige vielleicht erwägt, ob sie nicht auch die Knollen probieren sollte. Die alten Azteken haben sie tatsächlich gegessen. Ich mag sie nicht.

Was aber die Blüten der Gartenstauden angeht, so gibt es inzwischen ganze Bücher, die sich mit ihrer Verwendung in der Küche befassen. Ich weise hier nur auf die Blütenkelche der Tulpen hin, die sich vorzüglich als eßbare Becher für pikante Vorspeisen und süße Nachspeisen eignen. Sie sind zart sauer, während Begonienblüten eine richtig knackige Säure zu bieten haben, im Salat so willkommen wie in der Kombination mit süßer Schlagsahne.

Von allen Blüten die wichtigsten sind mir die der Lilien und der Taglilien (Hemerocallis), auch sie von milder Säure. Die Chinesen trocknen die Knospen, nennen sie Goldnadeln und schmoren sie kurz im Wok, zusammen mit Bohnensprossen, Reiswein und Sojasauce; Jin Gu Yin Liu heißt das Gemüse. Und was essen wir dazu? Vielleicht eine Art Bratkartoffeln: Lilienknollen, in ihre Schuppen zerlegt, auf kleinem Feuer langsam gegart und mit frischem Ingwer gewürzt. In China und Japan ist das ein gebräuchliches Essen.

Auch könnten wir eines der Hauptnahrungsmittel der nordamerikanischen Indianer für die "Sättigungsbeilage" nutzen: die Zwiebeln der Präriekerze (Camassia quamash), durch den Wolf gedreht, mit wenig Mehl gebunden, leicht gesalzen und dann als Fladen in der Pfanne gebacken, sehen fast so schön aus wie die blauen Blüten und schmecken köstlich.

Dazu wiederum würde ein Gurkengemüse passen - aber eines von der Explodiergurke (Cyclanthera). Sie heißt so, weil ihre hohlen Früchte nach der Samenreife aufspringen und die bizarren schwarzen Samen wegschleudern. Im April drinnen vorgezogen, Ende Mai in den Garten gepflanzt und mit einer Rankhilfe versehen, produziert sie an meterlangen Trieben den Sommer über zahllose kleine grüne Gurken, die man in jedem Reifezustand ernten und mit Zwiebeln, Pfeffer und gemahlenem Koriander schmoren kann. Man muß aber vorher die Samen entfernen.