Nana, die jüngste Tochter des Präsidenten, empfing am Abend des 9. November 1977 ganz aufgeregt ihre Mutter. "Hast du die Nachrichten gehört? Papa fährt nach Israel." Sprachlos eilte Jehan Sadat nach oben zu ihrem Mann, der sich in sein Schlafzimmer zurückgezogen hatte. Anwar as-Sadat bestätigte ihr das Unglaubliche. Er hatte schon lange erkannt: "Ägyptens Image in der Welt ist lächerlich und häßlich. Wir haben die Rückgabe unseres Landes gefordert, uns aber nie an jene gewandt, die es besetzt halten ... Wenn wir den Sinai nicht friedlich zurückholen können, müssen wir uns erneut auf einen Krieg mit Israel einlassen. Und das wird wieder zahllose Menschenleben kosten. Ist es das, was wir für unser Volk erstreben? Ich muß jede Möglichkeit eines Friedensschlusses zwischen unseren beiden Ländern erkunden."

Seinen Entschluß, nach Jerusalem zu fahren, hatte Sadat wenige Stunden zuvor im Parlament so ruhig verkündet, als spreche er übers Wetter. Er sei bereit, bis ans Ende der Welt, bis in die Knesset zu gehen, wenn er damit nur einen Soldaten, nur einen Offizier vor einer Verwundung retten könne. Die verwirrten Abgeordneten klatschten mechanisch Beifall; auch PLO-Chef Jassir Arafat, der extra als Gast zu der Sitzung geladen worden war, fiel in den Applaus ein.

Sadats Ankündigung löste eine Schockwelle in Ägypten aus. Kairo hatte sich stets geweigert, die Existenz Israels anzuerkennen; auf den Landkarten war der jüdische Staat als "Besetzte Gebiete Palästinas" gekennzeichnet. Doch der Entschluß kam nicht so plötzlich, wie es schien: Schon seit längerer Zeit hatten Vertreter beider Länder bei geheimen Treffen im marokkanischen Königshaus über einen möglichen Weg zum Frieden diskutiert.

Eine offizielle Einladung aus Israel erfolgte kurz nach Sadats Rede im Parlament. Und schon am 19. November landete er auf die Minute pünktlich um 20 Uhr, nach dem Ende des jüdischen Sabbats, auf dem Ben-Gurion-Flughafen bei Tel Aviv. Von diesem Moment an begann Jehan Sadat, die wie die restliche Welt das Geschehen zu Hause am Bildschirm verfolgte, jede Minute zu zählen, die ihr Mann im Feindesland überleben sollte. Doch das Mißtrauen war auch in Israel groß. Bis zuletzt hegte man die Befürchtung, daß ein Trick hinter dem Ganzen stehen und bewaffnete Männer aus der Maschine stürzen könnten, um die zum Empfang angetretene israelische Führung mit Premier Menachem Begin an der Spitze umzubringen.

Sosehr man im jüdischen Staat den Besuch Sadats bejubelte, so ablehnend waren die Reaktionen in der arabischen Welt. Im selben Moment als Sadats Maschine auf israelischem Boden landete, brach der libysche Präsident Ghaddafi die Beziehungen zu Kairo ab. In Damaskus rief man in den Moscheen dazu auf, Gebete des Zorns an Allah zu schicken, in den umliegenden Palästinenserlagern wurden Sadats Bilder verbrannt. Er galt fortan als Verräter.

Der Flug nach Tel Aviv hatte nur 40 Minuten gedauert, aber er überbrückte eine Distanz zwischen zwei Völkern, die drei Jahrzehnte in getrennten Welten gelebt hatten. Butros Butros-Ghali, der damals in seiner Funktion als frischernannter Staatsminister für auswärtige Angelegenheiten den Präsidenten begleitete, erinnerte sich an seine Gefühle nach der Landung: "Es war alles völlig neu - als ob man sich im All bewegte. Ich befand mich bald in einem Wagen mit (dem israelischen Außenminister) Mosche Dajan, und wir mußten einen Weg finden, um miteinander zu reden. Ich hatte gelesen, daß er sich für Archäologie interessiert, und erwähnte auch mein Interesse dafür. Wir begannen darüber zu reden und wandten uns von dort dem Nahost-Problem zu."

Die Fronten waren klar: Butros-Ghali erklärte die Position der ägyptischen Regierung, die auf einem umfassenden Friedensabkommen mit allen Nachbarstaaten Israels bestand. Mosche Dajan hingegen plädierte für einen Separatvertrag mit Ägypten. Um die Sache nicht von Anfang an zu verderben, gab Dajan seinem ägyptischen Kollegen den Hinweis, daß Sadat in seiner geplanten Rede in der Knesset die palästinensische Befreiungsbewegung PLO besser nicht erwähnen sollte.