Der Zeigefinger. Die Deutschen und ihr Denkmal

Zehn Jahre nach dem Mauerfall: Die Mahnmal-Debatte ist ein Streit um das politische Selbstverständnis der Deutschen. Die Berliner Republik wirft ihre falschen Schatten voraus, des Kanzlers telegene Auftritte entsorgen die Vergangenheit. Zum Stand einer Debatte von Jürgen Habermas

Im November 1989 fiel die Berliner Mauer. Zur gleichen Zeit ließ sich der "Förderkreis zur Errichtung eines Denkmals für die ermordeten Juden Europas"ins Vereinsregister eintragen. Diese Initiative hat ein lange zauderndes Parlament endlich in Bewegung gebracht. Fast ein Jahrzehnt später, nach zwei Ausschreibungen, vielen Diskussionsrunden, dem Stillstand des vergangenen Herbstes, hat der zuständige Bundestagsausschuß mit einer Anhörung zur Frage des Warum, Wo und Wie des zentralen Holocaust-Denkmals begonnen. Die von Walser angestoßene Debatte hat das Blatt gewendet. Der Schuß ging nach hinten los. Die politische Öffentlichkeit hat sich freilich von den Rülpsern einer unverdauten Vergangenheit, die aus dem Bauch der Bundesrepublik in regelmäßigen Abständen aufsteigen, diesmal nur dank der Courage - das war das Beunruhigende - eines prominenten Juden befreien können.

Vor der Sommerpause soll der Bundestag über das Vorhaben endgültig entscheiden. Täuschen wir uns nicht. In der fünfzigjährigen Geschichte der Bundesrepublik ist dies der erste Zeitpunkt, an dem ein parlamentarisches Votum für ein solches unübersehbar in die Zukunft hineinragendes Zeichen einer geläuterten kollektiven Identität der Deutschen überhaupt in den Bereich des Möglichen rückt. Es scheint auch der letzte Zeitpunkt zu sein, an dem das noch möglich ist. Eine Berliner Republik, die der falschen, der monumentalen Vergangenheit gewidmet werden soll, wirft ihre Schatten voraus.

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Schröder, der den Berliner Reichstag, das künftige Parlamentsgebäude des Bundestages, "Reichstag" genannt haben möchte, wendet sich gegen die "Unart, dem Volk den erhobenen Zeigefinger zu zeigen", wo andere schon von "Diskurspolizei" sprechen. Es ist ja wahr, von Heuss und Heinemann bis Herzog und Rau hat zwischen veröffentlichter Meinung, offiziellem Sprachgebrauch und formeller Rede auf der einen, gesundem Volksvorurteil und Stammtischgeschwätz auf der anderen Seite nicht nur eine Differenz der Sprachebenen, sondern ein sprachfilterndes Gefälle bestanden. Dem sind gelegentlich, armer Jenninger, auch die Falschen zum Opfer gefallen. Aber jener Filter war eine wesentliche Voraussetzung für die allmähliche Verfertigung einer liberalen, über tiefe innenpolitische Gräben hinweg erkämpften politischen Kultur. Fortan wird also nicht nur im Volksmund die Institution ans Gebäude, der "Bundestag" an den "Reichstag" assimiliert - und so mit einer Institution des Kaiserreiches assoziiert. Der amtierende Kanzler ist drauf und dran, in die Nachgeschichte einer Republik, die glücklicherweise noch lernte, statt aufzutrumpfen, als Plattmacher einzugehen. Jenem Denkmal, das ein Stachel bleiben soll, zieht er ein gefälliges Stadtschloß vor - als stimmungsvolle Kulisse für den Verfall aller Unterscheidungen, die noch einen Unterschied machen.

Die leidenschaftliche Kontroverse über das geplante Denkmal wird seit Jahren mit Ernst und auf hohem Niveau ausgetragen. Sie hat in der Frage des Verfahrens, aber auch in der Sache zu Klärungen geführt. Über Sinn und Funktion des Denkmals ist man sich heute einig, während Fragen der ästhetischen Gestaltung aus gutem Grunde umstritten bleiben. Eine wichtige Frage ist offengeblieben: ob das Denkmal allein den ermordeten Juden gewidmet werden soll. Beginnen wir mit der Frage nach dem Sinn des Vorhabens: Wer will eigentlich was mit diesem Mahnmal ausdrücken? sowie mit der Frage nach seinem Zweck: Wozu soll es dienen und an wen richtet sich seine Botschaft?

Der Sinn des Denkmals

Die Katastrophengeschichte des 20. Jahrhunderts hat fast überall die nationalen Traditionen aus ihrer Fraglosigkeit aufgescheucht. Die kollektive Identität von Staatsbürgernationen ist auch andernorts in Fluß geraten. Aus mehr oder weniger kontingenten Anlässen - Skandalen und Gerichtsverfahren, sensiblen Gesetzesvorhaben, historischen Darstellungen, Filmen, Fernsehserien und so weiter - entstehen öffentliche Kontroversen, die Fragen des politischen Selbstverständnisses berühren. Dann wird darüber gestritten, welches Bild die Bürger eines Landes von sich haben - wer sie sind und sein wollen. In der frühen Bundesrepublik gab es zahlreiche Anlässe dieser Art - die Politik der Wiederbewaffnung, den Fall des Ministerialrats Globke, die Aufführung von Veit-Harlan-Filmen, die Entführung des Verfassungsschutzpräsidenten John, die Frage der Verjährung von Straftaten der NS-Zeit, das Tragen von Orden des Dritten Reiches, die atomare Ausrüstung der Bundeswehr, natürlich den ersten großen Auschwitz-Prozeß in Frankfurt, der den Vorwurf zur Ermittlung von Peter Weiss abgab.

Diese Anlässe haben sich bis heute, bis zur Wehrmachtsausstellung, zur Goldhagen-Debatte, zur Frage der Verwicklung der Banken und Großunternehmen in die NS-Vernichtungspraktiken, vervielfacht. Gleichzeitig haben sich die Diskussionen immer stärker auf eine Frage konzentriert. Trotz ihrer zunehmenden Virulenz hatte diese Frage allerdings eine durchschlagende, ja mentalitätsbildende Kraft von Anfang an: Übernehmen wir, die wir als Bürger der Bundesrepublik Deutschland in der politisch-rechtlichen und kulturellen Nachfolge des Staates und der Gesellschaft der "Tätergeneration" stehen, eine historische Haftung für die Konsequenzen ihrer Taten? Machen wir die selbstkritische Erinnerung an "Auschwitz" - die wachgehaltene Reflexion auf das mit diesem Namen verbundene Geschehen - explizit zum Bestandteil unseres politischen Selbstverständnisses? Akzeptieren wir die beunruhigende politische Verantwortung, die den später Geborenen aus dem von Deutschen verübten, unterstützten und geduldeten Zivilisationsbruch erwächst, als Element einer gebrochenen nationalen Identität? "Gebrochen" insofern, als diese Verantwortung den Willen zur Diskontinuierung irreführender Denkweisen in der Kontinuität eigener Überlieferungen bedeutet. Als mithaftende Nachfahren sagen wir das "Nie wieder" zu uns selbst. Der Bruch in der Fortsetzung unserer tragenden Traditionen ist die Bedingung wiedererlangter Selbstachtung.

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