Résidence Rimini, vorletzter Stock, sechste Tür links. Linoleumfußboden. Sozialer Wohnungsbau. Hier praktiziert, Sprechstunde nach Vereinbarung, Djossou R. Atiogbé, ein eleganter Herr mit Goldrandbrille. In den Räumen ist es vollkommen still. Es riecht nach nichts. Die Sonne fällt auf sieben große braune Kunstledersessel.

Djossou R. Atiogbé aus Benin ist Zauberheiler in Paris; einer von vielen wie Madame Jojo, Professor Fofana, oder der Alleskönner Professor Sidi Omar, der sowohl in Erbschaftsangelegenheiten Unterstützung wie bei Rückenschmerzen und Gefühlsarmut Abhilfe verspricht. Mit Handzetteln und Kleinanzeigen werben sie auf dem Boulevard Barbès.

Die Résidence Rimini liegt am Boulevard Barbès, den eine dichte Dieselwolke einhüllt. Es ist ein kurzer Boulevard, sechs Häuserblocks, und nicht der schönste von Paris. Was hat das Viertel zu bieten? Wenig, in gewisser Weise: kein Theater, kein Museum, kein Gourmettempel. Kein Kino und nicht einmal ein ansehnliches Restaurant. An ihrer Stelle ein Stück Afrika im Exil, eine französisch-arabische Variante von Kreuzberg: drei große Multikulti-Diskotheken an der Metrolinie, ein Goldsouk für die Berberinnen, ein Stoffsouk, ein Friseursouk und ein Souk für Telefon-Rabattkarten. Barbès ist ein Ort, an dem Heimweh und Fernweh eins sind.

Im Maghreb und weiter südlich in Afrika, bis hinunter nach Ouagadougou, hat Barbès einen Ruf wie anderswo Saint-Germain und die Champs-Elysées. "Barbès ist größer als Paris, es ist bekannt in Algerien, Marokko, in Mali und im Senegal", schreibt ein Musiker im Szenemagazin Les Inrockuptibles. Inzwischen liegt es auch an der Musik, mit Gruppen wie dem Orchestre National de Barbès, mit Sängern wie Larbi Diba oder Rachid Taha, der sein erstes Album nannte: Barbès mon amour.

Am Anfang aller grenzüberschreitenden Prominenz aber stand Jules Ouaki. Kurz nach dem Krieg, 1948, eröffnete er hier inmitten von Schneiderläden und zugesperrten Stundenhotels auf 50 Quadratmetern sein erstes Selbstbedienungsgeschäft für Textilien. Tita wollte er es eigentlich nennen, nach dem Kosenamen seiner Mutter Esther. Das Wort war im Handelsregister aber schon vergeben. Ouaki drehte einfach die Silben um. So entstand das Familienimperium Tati.

Die berühmte rosaweißkarierte Plastiktüte ist seit Jahrzehnten das karikierende Accessoire der arabischen Gastarbeiter. Außerdem ist sie so reißfest und haltbar, wie Jules Ouakis Sohn und Nachfolger vor ein paar Jahren stolz im Fernsehen bemerkte, daß die Obdachlosen von Paris sie lieber benutzten als alle anderen.

Tati ist ein Kaufhauskonzern für Lebensnotwendiges und Billigluxus. Das geschäftliche Herz des Konzerns schlägt noch immer an der Kreuzung von Boulevard Barbès und Boulevard Rochechouart direkt gegenüber der Metrostation. Ein richtiges Kaufhaus ist es nicht, sondern eine zusammengestoppelte Folge von kleinen Geschäften bis hinunter zur Hausnummer 42 und hinein in die Querstraßen. Tati-hommes, Tati-femmes, Tati-garçons, dazwischen ein Parfumregal mit hauseigenen Duftwassern: Querelle (Streit), Royal und, wer ist bloß auf diesen Namen gekommen, Solitude (Einsamkeit).