Das Erfreuliche an Sammelbänden ist, daß man in ihnen auf Beiträge stoßen kann, mit denen man nicht unbedingt rechnen durfte. In der Publikation zum Verhältnis von Medialität und Realität, über den ich in der Philosophie-Kolumne vom 25. Februar berichtet habe, findet sich auch ein Essay von Hans Ulrich Gumbrecht über die Schönheit des Mannschaftssports. Der hat zwar mit dem Generalthema nur am Rand zu tun, dafür entwirft er eine vielversprechende Ästhetik des Sports. Das ist keine Bagatelle, denn schließlich zählt der professionell betriebene und medial inszenierte Sport mit der populären Musik und dem Kino (und dem Evergreen der Natur) zu den heute begehrtesten ästhetischen Objekten. Am Beispiel des American Football, dem die besondere Leidenschaft des nach Kalifornien ausgewanderten Gelehrten gilt, fragt Gumbrecht nach dem Grund der Faszination am Schauspiel des Sports.

Seine erste These ist negativ. Es sind keine Darstellungen, die wir im Stadion oder am Bildschirm verfolgen. Die sportlichen Handlungen sind keine Zeichen, die für etwas anderes stehen. Die Aufführung des Sports spielt sich nicht im Reich der Mimesis ab. Schon gar nicht sind es Allegorien, in die sich die Zuschauer versenken. Wäre Football ein Ausdruck titanischer Kämpfe oder kapitalistischer Expansionsbewegungen, wäre er nur für Berufsinterpreten interessant. Die normalen Betrachter aber sind nicht auf Deutungen aus, sie wollen etwas mitbekommen, das sich jeder Deutung entzieht. Natürlich lassen sich Geschichten und Mythen tausendfach an das sportliche Geschehen anschließen, aber nur, weil es kein narratives Geschehen ist.

Der Zuschauer im modernen Sport, das ist Gumbrechts positive These, nimmt an einer Produktion unwahrscheinlicher Ereignisse teil. Im Fall des American Football geschieht dies durch das sekundenschnelle Erzeugen und Zerstören von Spielzügen, mit denen die angreifende Mannschaft Raum zu gewinnen, die gegnerische dagegen ihren Raum zu verteidigen versucht. So kommt es zu der plötzlichen Entstehung einmaliger Formen aus körperlichen Bewegungen, die im nächsten Augenblick auf der Leere des Spielfeldes wieder ausgelöscht sind. Das ausgefeilte Kalkül der wechselseitigen Spielstrategien bringt unkalkulierbare Handlungsfolgen hervor. In den geordneten Bahnen eines geregelten Wettkampfs erleben die Zuschauer eine permanente Vereitelung von Ordnung. Sie werden nicht eines höheren Sinnes teilhaftig, sie berauschen sich an Mysterien der Kontingenz.

Die existentielle und kulturelle Bedeutung dieses Rituals freilich wird so noch nicht deutlich. Was sich in den Stadien und an den Bildschirmen ereignet, sagt Gumbrecht, ist eine "Produktion von Präsenz". Eingeschüchtert durch die philosophische Kritik an der sogenannten "Präsenzmetaphysik", will er diese Gegenwart jedoch vorwiegend als ein räumliches Verhältnis verstanden wissen. Im Rhythmus von Aktion und Gegenaktion, Anspannung und Lethargie seien die Zuschauer dem Geschehen des Spiels besonders nahe, weil sie nicht zur Imagination von etwas anderem entführt würden. Mit räumlicher Nähe aber hat diese Involviertheit nichts zu tun. Das entscheidende Merkmal ist vielmehr ein zeitliches. Weil die sportliche Performance keinen über sich selbst hinausweisenden Sinn vermittelt, lenkt nichts von der Zeit ihrer Darbietung ab. Das erlaubt es den Zuschauern, eine kollektive Auszeit von den Kontinuitäten ihres Lebens zu nehmen - eine Auszeit, die sie nicht, wie diejenige der Kunst, über das Spiel ihres Lebens zu reflektieren zwingt. Trotzdem kriegen die Leute etwas für ihr Geld: die Gelegenheit zu einer - je nach Ergebnis - jubelnden oder verzweifelten Affirmation der Zufälligkeit ihres Lebens.

In jeder vernünftigen Stadt finden sich deshalb zahlreiche Hinweisschilder zum Ausgang aus dem Gehäuse des garantierten Sinns - jenem Ausgang, den der Held in Peter Weirs Film The Truman Show so mühsam suchen muß. Er liegt am Eingang zu den Stadien. Auch die überdachten unter ihnen sind für eine Feier der prinzipiellen Obdachlosigkeit des menschlichen Daseins da.

Hans Ulrich Gumbrecht: Die Schönheit des Mannschaftssports

in: Gianni Vattimo/Wolfgang Welsch (Hrsg.): Medien - Welten - Wirklichkeiten; Fink-Verlag, München 1998; 258 S., 48,- DM