Unser Skelett

Hobbyarchäologen graben in Landau an der Isar von Erich Kasberger

Am auffälligsten sind die Zähne. Weiß. Makellos. Still stehen wir um das Grab, fast andächtig, als hätten wir jemanden beerdigt. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wir haben einen Toten ausgegraben. "Ein Riesenkerl, fast 1,80. Das war ein Wichtiger, damals, im Steinzeitdorf", meint Ludwig Kreiner und zwirbelt anerkennend seinen Schnauzbart. Er ist Kreisarchäologe im niederbayerischen Städtchen Landau an der Isar. Routinemäßig legt er einen Meterstab neben die Fundstelle und macht einige Aufnahmen für das Archiv. Zögernd schießen auch wir Erinnerungsfotos von "unserem" Skelett. Es liegt auf der Seite, die Beine angewinkelt. Völlig unversehrt. Hohlwangig der Schädel, die Knochen blitzblank. Ganz wohl ist uns aber nicht in unserer Haut. Als hätten wir ein Sakrileg begangen, die Grabesruhe gestört. 4400 Jahre nach der Beisetzung.

Acht Hobbyhistoriker haben sich im etwas verschlafenen Isarstädtchen Landau zu einem Archäologiekurs angemeldet. Durch den heutigen Landkreis Dingolfing-Landau verliefen bereits in frühgeschichtlicher Zeit wichtige Handelsstraßen. Über 2000 oberirdisch nicht mehr sichtbare Siedlungen aus der Jungsteinzeit, aus Bronze-, Urnenfelder-, Hallstatt-, La-Tène- und römischer Kaiserzeit warten darauf, erforscht zu werden. Darüber hinaus hat Landau zwei weitere Attraktionen: den Kastenhof, einen ehemaligen mittelalterlichen Getreidespeicher, der zum modernsten archäologischen Vorgeschichtsmuseum in Deutschland umgebaut wurde, und den Kreisarchäologen Ludwig Kreiner. Er hat diese Kurse ins Leben gerufen und leitet sie mit der Spürnase eines Schatzsuchers.

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Am ersten Grabungstag stehen wir auf einem Platz, groß wie ein Fußballfeld, von dem nur die Humusschicht abgetragen ist. Ringsum Gewerbegebiet. Nur wenige Wochen bleiben Ludwig Kreiner und seinen Helfern, hier zu graben, dann wird alles überbaut sein. Etwas ratlos stehen wir mit Schubkarren und Spaten da und warten, welche Maulwurfsarbeiten auf uns zukommen werden. Verfärbungen im lehmigen Boden geben die ersten Hinweise, wo Gräber zu vermuten sind.

"Manchmal kannst froh sein, wenn'st nach zehn Spatenstichen einen Tonscherben rausfischst", tröstet uns gelassen Robert Pleyer, einer aus dem professionellen Team, und hebt letzte Reste der Humusschicht ab. Graben ist eine bucklige Arbeit. Auf Knien ziehen wir mit Spachteln vorsichtig Schicht um Schicht des lehmigen Bodens ab. Was ist, wenn sich die Herren Archäologen täuschen und wir an der falschen Stelle buddeln? Bei diesem Gedanken beginnt der Rücken zu schmerzen.

Da, endlich! Etwas Helles, ein Stock Knochen. Nun geht es nur noch mit feineren Grabwerkzeugen weiter, mit Spateln und Pinseln, immer in Sorge, durch eine Unvorsichtigkeit etwas unwiederbringlich zu zerstören. "Ein Mann", konstatiert Kreisarchäologe Kreiner mit Nachdruck und prüft den Stand der Sonne. Für uns kommt das überraschend, denn wir sind noch dabei, den freigelegten Knochenteil als Schädel zu identifizieren. Des Rätsels Lösung leuchtet ein: Der Bestattungsritus während der Jungsteinzeit schrieb vor, die Menschen in der Hocke zu begraben, die Männer mit dem Kopf nach Norden, die Frauen hingegen mit dem Kopf nach Süden.

Am linken Unterarmknochen schält sich plötzlich eine steinerne Armschutzplatte aus der Erde. Nun sind wir einen Schritt weiter: Der kräftige Kerl, dessen sterbliche Überreste vor uns liegen, war Bogenschütze. Aber wieso ist das Gebiß so gut erhalten? "Damals gab es keine Karies", sagt Kreiner ohne Anflug, mit seinem Wissen zu kokettieren, "weil es keinen Zucker gab."

Verständnis für untergegangene Kulturen, die Vorstellung von einem fremden Lebensgefühl, für Lebensweisen unter anderen Bedingungen, auch das will der Initiator dieser Kurse vermitteln. Deshalb graben wir nur vormittags, nachmittags werden verschiedene steinzeitliche Techniken vorgeführt und gelehrt. Wie wurde vor 5000 Jahren ein Feuer entfacht? Wie ein Steinbeil geschliffen?

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