Seinetwegen wurden Kriege geführt, Revolutionen angezettelt, Inseln entdeckt und große Teile Nordamerikas besiedelt. Hafenstädte und Industriezweige in Europa, Neuengland und Kanada verdanken ihm ihre Existenz - die Rede ist von Gadus morhua, dem atlantischen Kabeljau. Nun liefert der Salzwasserfisch über das Kulinarische hinaus auch noch den Stoff für einen literarischen Leckerbissen.

Unter dem schlichten Titel Kabeljau hat der amerikanische Journalist Mark Kurlansky eine ebenso amüsante wie lehrreiche Kulturgeschichte verfaßt. Der Autor ist in Neuengland aufgewachsen und hat selbst viele Jahre als Fischer auf Hochseekuttern gearbeitet. Neben seiner persönlichen Erfahrung zeichnet den Kabeljau-Biographen eine leichte Erzählweise aus, mit der er mühelos Jahrhunderte und Kontinente umspannt. Unversehens wird sein mit Kabeljaurezepten gespicktes Buch dabei zu einer Liebeserklärung an den "Fisch, der die Welt veränderte".

Einen Appetithappen liefert die Episode der Pilgerväter, die 1620 Neuengland besiedelten: "Wie es scheint, hatten diese religiösen Eiferer vergessen, ausreichend Angelgeräte mitzubringen - einmal ganz abgesehen davon, daß sie auch nicht mit ihnen umzugehen verstanden hätten." Die Siedler hatten nicht nur von der Fischerei wenig Ahnung, sondern offenbar auch von der Jagd und der Landwirtschaft. "Am geschicktesten bei der Nahrungsbeschaffung erwiesen sie sich in den Anfangsjahren offenbar darin, große Vorratsverstecke aufzuspüren, die von den dortigen Indianerstämmen angelegt worden waren. Verschlimmert wurde die Lage noch dadurch, daß sie als Engländer nicht essen wollten, was sie nicht kannten."

Der Kabeljau rettete die Pilgerväter. Der Fisch mit den bernsteinfarbenen Leopardenflecken und dem strahlendweißen Fleisch mundete auch den Siedlern. Außerdem liebt der Allesfresser flaches Wasser in Küstennähe und ist unempfindlich gegen Krankheiten und Kälte - all das macht ihn zu einem perfekten Fisch für den Handel. Die Fischreste wiederum wurden als Dünger untergepflügt und förderten so den landwirtschaftlichen Anbau.

Nicht nur die kleine Gruppe religiöser Dissidenten um John Smith, die 1620 aus England floh, verdankte am Cape Cod, dem Kabeljaukap, dem Fisch ihr Überleben. Ganz Neuengland gründete seinen wirtschaftlichen Erfolg auf den Fischfang. Erst der cod ließ die abgelegene Kolonie halbverhungerter Siedler zu einer internationalen Handelsmacht aufsteigen. Im Dreieckshandel mit Europa und den Westindischen Inseln wurden bald in großem Stil Tonnen von Kabeljau exportiert und Sklaven importiert - ein lukratives Geschäft. Kein Wunder, daß in Massachusetts und Maine der Kabeljau zum Kultobjekt aufgestiegen ist.

Getrocknet wird der Fisch zum Schiffszwieback der Wikinger

Schon die Wikinger hatten die Vorzüge des anspruchslosen Fisches zu schätzen gewußt. Auf ihren Entdeckungsfahrten waren sie im 10. Jahrhundert von Norwegen über Island und Grönland bis zur äußersten Spitze Nordamerikas gefahren - eine Route, die genau dem Verbreitungsgebiet des atlantischen Kabeljaus entspricht. Die Expeditionen der Nordmänner waren nur möglich, weil sie als erste gelernt hatten, den Kabeljau zu konservieren. Sie trockneten ihn in ihren offenen Booten an der frostigen Winterluft, wobei der Fisch vier Fünftel seines Gewichtes verlor und zu einer haltbaren, holzähnlichen Masse wurde, einer Art Schiffszwieback der Wikinger.