Es ist kaum zu glauben, aber selbst solche hundertprozentigen Originalwerke von heute wie Henscheids Dummdeutsch oder Bittermanns Wörterbuch des Gutmenschen haben im 19. Jahrhundert ein grundlegendes Vorbild, nämlich Gustave Flauberts Wörterbuch der Gemeinplätze. Als btb-Taschenbuch ist es jetzt auf dem deutschen Markt billig zu haben. Wovon handelt das Wörterbuch der Gemeinplätze? En gros mit der Dummheit, aber die Dummheit ist keine einfache Ware: Einerseits ist sie äußerst umfassend, andererseits geht sie ganz ins Detail. In einem Brief vom Februar 1880 an Guy de Maupassant formuliert Flaubert das Ausmaß der Dummheit klassisch: "Die Erde hat ihre Grenzen, aber die menschliche Dummheit ist unendlich." Was aber unendlich ist, schließt auch den mit ein, der diese Unendlichkeit konstatiert. Auffällig an der Dummheit ist ja, daß man die der anderen eher erkennt als die eigene. Mit der eigenen lebt man im Frieden. Man kann der Dummheit nicht entgehen, indem man die der anderen feststellt. Zum Glück aber gibt es diese anderen. Sie wissen über meine eigene Dummheit gut Bescheid. Hätten wir einander nicht, wir müßten alle dumm sterben!

Selbstverständlich gibt es auch einen wechselseitigen Verblödungsprozeß: Man steckt einander mit der Dummheit an, man trifft sich auf den Gemeinplätzen. Selten bin ich allein so dumm wie in Gesellschaft. Die Konvention und die Konversation, des weiteren: die Publikation, das sind die Felder, auf denen man sich zum Trottel macht. Im übrigen: Sich selbst als Dummkopf zu preisen führt mitnichten aus der Dummheit heraus; im Gegenteil, es unterstreicht sie nur von vornherein. So bleibt jedem öffentlichen Redner, jedem Publizisten nichts anderes übrig, als den Anspruch auf Intelligenz aufrechtzuerhalten. Aber man will oder kann dabei nicht viel riskieren. Das ist der eine Grund, auf dem die Gemeinplätze erbaut sind: Risikolos läßt es sich mit einem Einverständnis kalkulieren. Der andere Grund ist paradox: Gemeinplätze entstehen ausgerechnet, wenn man etwas Besonderes sagen will. Ich blättere unter D bei Flaubert. Da steht: "DAGUERREOTYPIE wird die Malerei ersetzen."

Das gehört aber zum Schatz meiner Weisheiten: Die Fotografie hat die Porträtmalerei ersetzt! Warum ist das ein Gemeinplatz? Ich glaube deshalb, weil es der Rede gar nicht wert wäre, gerade wenn es zuträfe. Aber wahrscheinlich trifft es gar nicht zu. Ein Gemeinplatz wird es jedoch erst dadurch, daß der Gedanke eine Art gadget ist, ein Trick, mit dem man sich, ohne zu überlegen, der Sache überlegen zeigt. Bei so etwas bleibt keiner allein. Millionen Gebildeter, die keine Ahnung von der Daguerreotypie haben, wissen eines sicher: Sie wird die Malerei ersetzen. Zum veritablen Gemeinplatz ist nur der Gebildete fähig. Das Wörterbuch der Gemeinplätze kann man am besten im Zusammenhang mit Flauberts Bouvard und Pécuchet verstehen, einem ideographischen Roman, der allerdings nicht die Haltbarkeit, sondern die Unhaltbarkeit von Ideen unter Beweis stellt. Zwei nette, biedere Herren wollen sich das Wissen der Zeit einverleiben, aber je mehr sie sich darum bemühen, desto dümmer und nutzloser erscheinen die edelsten Wissenschaften. Sind Bouvard und Pécuchet dumm, oder verkörpern sie bloß die Dummheit der Ideen, mit denen eine Kultur sich selbst beeindruckt?

Flauberts Wörterbuch der Gemeinplätze ist verhältnismäßig gemütlich. Erst in den Massengesellschaften des 20. Jahrhunderts, in denen Meinung, Wahn, Gesellschaft einander aufputschen, wird der Gemeinplatz blutig. Flaubert hat seinerzeit diese Gemeinschaft stiftende Denkweise, diese Welt der übernommenen Ideen durchschaut, ohne deren Ausmaß, deren Grenzenlosigkeit absehen zu können; erst Karl Kraus hat das Geflecht aus Blut, Tinte und Phrase erkennen müssen: In den Krieg zieht man nicht ohne Ideen. Die ideologisierte Menschheit ist in ihre Gemeinplätze verknallt; für sie ist sie sogar zum Sterben bereit. Qualtingers Lesungen aus Mein Kampf waren ein Versuch, Hitlers Suada aus Wissenschaft und Weltanschauung in ein Wörterbuch der Gemeinplätze zu zerlegen. Es ist kein Trost, aber die gemütlichen Gemeinplätze sind bis heute nicht ausgestorben. Großartig ein Sportmoderator der ARD: "Das Schöne am Sport ist ja, daß seine Dramaturgie unsere Emotionen berührt." Ja, so drückt man sich aus und nicht anders.

Flaubert hatte mit seinem Wörterbuch eine Utopie im Sinn. Wenn man es gelesen hat, "dürfte man nicht mehr zu sprechen wagen aus Angst, einen der Sätze zu gebrauchen, die sich darin befinden". Dafür ist es nach über hundert Jahren schon zu spät. Aber man soll nie aufgeben.

Gustave Flaubert:

Wörterbuch der Gemeinplätze