Am 18. März trafen sich in New York tausend Programmierer, um einer merkwürdigen Szene beizuwohnen: Auf einem riesigen Videoschirm wurde eine Gummiente in der Badewanne von einem U-Boot verfolgt. Am Ende wurde der Stöpsel aus der Wanne gezogen, und Ente wie U-Boot verschwanden in einem Abwärtsstrudel. Was die Experten faszinierte, war allerdings nicht die seltsame Handlung, sondern die Qualität des Films. Bis hinunter zum kleinsten Wassertropfen wirkten die Bilder völlig realistisch - so wie man es aus den jüngsten Hollywood-Animationsfilmen gewohnt ist. Nur: Es handelte sich weder um einen vorab gezeichneten Trickfilm noch um eine Videoaufnahme. Vielmehr wurde die Szene live von einem neuartigen Grafikchip errechnet. Das Siliziumplättchen ist eigens für einen Spielcomputer entwickelt, aber andere Anwendungen werden wohl nicht lange auf sich warten lassen.

Sonys PlayStation II ist damit weltweit der erste Rechner, der direkt lebensechte Filmbilder herstellen kann. Szenen, die Hollywoods Supercomputer tagelang rechnen ließen, zaubert der neue Apparat in Echtzeit auf den Bildschirm. Die Bildqualität muß den Vergleich mit den Sauriern in Jurassic Park nicht scheuen. Anders als im Kino bleibt der Benutzer aber nicht passiv, sondern kann selbst zum Regisseur werden. Der Grafikchip, das Herz des Spielcomputers, macht's möglich. Er hat nur einen einzigen Zweck: möglichst schnell Videobilder zu zeichnen.

Für das Zeichnen mit Polygonen ist viel Speicherkapazität nötig: Erstens muß jeder Gegenstand aus Tausenden gekrümmter Linien aufgebaut werden; zweitens muß der Computer bestimmen, wie viele dieser Linien für ein lebensechtes Bild zu zeichnen sind. So sollen zum Beispiel Objekte im Vordergrund sehr scharf erscheinen, während solche im Hintergrund mit ein paar groben Linien skizziert werden können. Die Gefühlsmaschine kann 66 Millionen Polygone pro Sekunde berechnen - das ist fast zehnmal mehr, als die gegenwärtig schnellste PC-Grafikkarte zu bieten hat. Ein Vergleich: Für den ersten vollständig im Computer entstandenen Trickfilm Toy Story mußten pro Bild ungefähr zwei Millionen Polygone berechnet werden. Macht bei 24 Filmbildern 48 Millionen Polygone pro Sekunde. Für diese Rechenoperation mußten die Hersteller von Toy Story ihre Computer stundenlang laufen lassen; der neue Prozessor schafft es innerhalb einer Sekunde.

Toy Story lehnte sich noch deutlich ans Genre des Zeichentrickfilms an. Aber wie viele Polygone sind für wirklich realitätsnahe Animationen nötig? Alvy Ray Smith, Mitgründer der Toy Story- Firma Pixar (ZEIT Nr. 7/99) und derzeit Grafik-Guru bei Microsoft, hat ausgerechnet: Für eine Sekunde Film, der im Kino nicht von einem mit der Kamera aufgenommenen zu unterscheiden ist, muß ein Computer beinahe zwei Milliarden Polygonberechnungen durchführen. Das übersteigt zwar auch die Möglichkeiten des neuen Sony-Grafikprozessors - doch für die Auflösung eines normalen Monitors ist solche Qualität gar nicht nötig. Um dort ein lebensechtes Bild aufzubauen, reicht deutlich weniger Rechenleistung. Außerdem können die errechneten Bilder mit echten Videobildern der Spielfiguren von einem DVD-Player gemischt werden.

Das Innenleben des neuen Mikroprozessors orientiert sich an einem Rechnermodell, das Anfang der neunziger Jahre von der amerikanischen Firma Mips entworfen wurde. Die Prozessorarchitektur der auf Computeranimationen spezialisierten Mips-Designer basiert auf drei unabhängig voneinander arbeitenden Teilen, die gleichzeitig die Berechnungen zu Geometrie, Farbe und Bewegungsfluß durchführen. Diese Arbeitsteilung prädestiniert einen Mips-Chip für das Berechnen von Videobildern. Die Technik wurde von zahlreichen Firmen in Lizenz übernommen; Mips-Chips finden heute im Digitalfernsehen, aber auch in Minicomputern ihre Verwendung.

Die Gefühlsmaschine ist das beste Beispiel für eine Trendwende in der Computerentwicklung: Bisher kamen die Neuerungen in der Regel von den Supercomputern. Nach einiger Zeit wurde die neue Technik dann in die Alltagselektronik integriert. Jetzt ist es genau andersherum: Ein bahnbrechender Chip debütiert in einem Verbraucherprodukt. Im nächsten Jahr wird er serienmäßig in Spielcomputern für ein paar hundert Mark enthalten sein. Aber bei Spielen wird es nicht bleiben. Nigel Robson, Grafikberater für Mips und Philips, prophezeit schon: "Wenn ein Chip wie dieser in ein Fernsehgerät eingebaut wird, und man verbindet es mit dem Internet, dann entstehen Möglichkeiten, von denen wir jetzt noch nicht mal träumen können."