Neu an dem neuen Krieg in Europa ist die Unzahl der Zaungäste. Millionen vom Himmel gefallener Stabsoffiziere und aus dem Boden geschossener Militärexperten bevölkern das riesige Schattenkabinett des grausigsten aller Schattenreiche: des Weltstammtischs. An ihm haben vom friedliebenden Militaristen bis zum waffenklirrenden Pazifisten alle Platz genommen, denen kein Schrecken auch nur für eine Sekunde den Mund zu schließen vermag.

Und da sitzen sie nun, irren mit jeder Prognose und blamieren sich mit jedem Ratschlag. Sie bramarbasieren von einem Krieg, von dem selbst diejenigen, die ihn führen, nur sagen können, daß sie ihn nicht führen wollen, aber führen müssen, und daß sie selbst gern wüßten, wie er zu führen wäre und wohin er führen könnte. Angesichts dieser Wirklichkeit, an die der Gedanke kaum heranreicht, können die Besserwisser vom Stammtisch sich nur lächerlich machen.

Zum Glück war ich nicht dabei, als im Wiener Akademietheater die Möglichkeit, nach einer Lesung mit Handke zu diskutieren, von einem Kriegsreporter genutzt wurde, seine Betroffenheit penetrant nach außen zu kehren. Zum Glück hörte ich nicht, wie Handke, nachdem dieser Mann ihn endlos provoziert hatte, endlich sagte: "Gehen Sie nach Haus mit Ihrer Betroffenheit, stecken Sie sich die in den Arsch."

Zum Glück habe ich die Pamphlete Günther Nennings gegen die Psychiatrie nicht gelesen, so daß ich, als ich seinen Artikel Handke zum Psychiater nicht in der Hand hatte, auch nicht wissen konnte, daß Nenning sich bei diesem Thema unweigerlich auf Handkes Seite schlagen mußte. Denn es darf keine Erinnerung an die Friedenszeit geben. Es herrscht Krieg gegen Handke, und im Krieg hat alles eine neue Bedeutung. Aus "Betroffenheit" wird "Leichen", aus einem freundlichen Artikel eine Einweisung in die Irrenanstalt. Nenning zufolge, so der Spiegel (Nr. 13/99), gehöre Handke psychiatriert.

Die Person Handke wird im öffentlichen Interesse umgemodelt in einen Kriegsschauplatz, wo jeder Fehltritt tödlich ist. Wenn Handke sich in einem Interview verspricht, geht ein ganzes Minenfeld in die Luft, so daß die Richtigstellung nur die verwunderte Reaktion auslöst, was denn einer, den man bereits in der Luft zerrissen habe, noch richtigstellen wolle.

Schaut Handke um sich, sieht er eine Person, die aus Handke-Bestandteilen zusammengesetzt ist, von denen die meisten gefälscht sind. Vermutlich wird er bereits das Empfinden gehabt haben, er könnte angesichts dessen den Verstand verlieren. In dem Augenblick aber wird er den Zuruf der Meute vernommen haben: Jetzt hat er den Verstand verloren. Und das wird ihn vor dem Schlimmsten bewahrt haben.

Nein, das Schlimmste kommt noch. Handke hält die Nato für verbrecherisch. Tangiert das die Nato? Ich halte Milocevic für verbrecherisch. Tangiert das Milocevic? - Und die Sache mit Büchner-Preis und Kirche? Als jemand, der in Wien lebt, wußte ich schon vor Handkes Brief an ein Wiener Magazin, daß dessen Preisrückgabe und Kirchenaustritt inkludiert. Das ist ein Fortschritt. Als ich - um vierzig Jahre zu früh - aus der Kirche austrat, mußte ich dazu ein Amt aufsuchen.