Drei Frauen und zwei Männer hocken dicht beieinander in einem dunkelbraunen Kasten. Auf diese Weise gehen sie ihrer Arbeit nach. Sie scheinen bewegungslos und in sich selbst zurückgewichen. Ihre Köpfe halten sie gesenkt. Alles Bewußtsein haben sie in ihren Gehörgängen versammelt. Jedes Geräusch, jedes Wort, das im Raum akustisch existiert, wird von ihnen belauscht, horchend untersucht und übers Trommelfell in der Wahrnehmung echohaft verinnerlicht. War der Ton sauber? Hörte sich der Effekt jetzt gut an? Klang die Stimme eben künstlich natürlich oder natürlich natürlich?

Draußen, außerhalb dieser hochkonzentrierten Enge, leuchtet über der schweren Eisentür in rotem Licht das Wort "Aufnahme". Drinnen wird ein Hörspiel produziert. Der fensterlose Regieraum des Studios ist holzverschalt, gedämpft beleuchtet, künstlich klimatisiert und aufgeheizt von der elektronischen Energie eines monströsen Mischpultes samt Computeranlage. Zwei mannshohen Lautsprechern entströmt stereophon silbriges Schweigen. Jetzt löst sich aus der Stille heraus überdimensional ein dumpfes, schmatzendes Schlucken, federt auf und ab durch die Atmosphäre und ist verschwunden im zeitlosen All.

Dieser verklebte Speichelplopper, eingefangen von hochempfindlichen Mikrofonen, kann unmöglich so passieren. Niemand kommentiert die körperintime Verlautbarung. Durch spannungstrockene Stimmbandsegel knarrt nun in konzentrierter Beklommenheit eine Männerstimme: "Zwischen Gewordenem und Entwerdendem."

Damit endet das Hörspiel Eintausend Engel über all. Da es um Ungewöhnliches geht, sind die beiden letzten Worte im Titel unüblich geschrieben. Sie müßten zusammenstehen. Der Autor jedoch, der 77jährige Arthus Caspari, möchte sie getrennt wahrgenommen wissen. Über all. Es handelt sich um eine Ursendung, die am 9. Juni um 20 Uhr auf NDR 3 zu hören sein wird.

"Wie findet ihr den Schlucker?" wendet sich Regisseur Götz Naleppa an sein Team. Der Tontechnikerin Christina Ocker geht die Atempause nach dem Schlucken "noch viel mehr auf die Nerven". Toningenieurin Jutta Liedemit zupft mit spitzen Fingern an den Reglern ihres Mischpultes. "Rein aus der Ästhetik heraus finde ich die Stimme zu trocken. Da werde ich Ihnen gern was drunterlegen", sagt sie freundlich und bestimmt. Zu dem unreinen Mundgeräusch schweigt sie. Ihr geht so was gegen die Berufsehre. Aber wenn der Regisseur am Schlucker hängt? Bitte sehr. Regieassistent Carsten Pellengahr findet die lange Pause gut, aber den Schlucker scheußlich. Das vorletzte Wort soll die Hospitantin Minu haben. Sie sei ja noch nicht lange im Metier, sagt sie, empfinde aber Pause samt Schlucker als "Ausdruck menschlicher Musikalität". Der Regisseur schmunzelt. Er hätte das kaum besser sagen können. Die Pause bleibt. Der Schlucker bleibt. Engel seien Menschen. "Eben auch. Doch."

Es ist der 16. Tag im Studio 8 der Hörspielabteilung des Norddeutschen Rundfunks in Hamburg. Übermorgen ist Abnahme. Eine Art Generalprobe vor Kollegen. Der Autor wird dazukommen, doch das wissen die fünf Menschen im Regieraum noch nicht. Fast drei Wochen Produktionszeit. Soviel Aufwand ist selten. Vier bis acht Tage sind üblich. Zwischen 700 und 800 Neuproduktionen, einschließlich Kinderhörspielen, werden jährlich in den Sendern der ARD aufgenommen. Wer will, kann täglich zwei bis vier Hörspiele hören.

Eintausend Engel über all ist indessen kein Krimi und kein 10-Personen-Dialog mit einem an- oder abfahrenden Auto, einer zuschlagenden Tür und einem tropfenden Wasserhahn. Das hier ist etwas Experimentelles ohne Handlungsablauf. Kosmisch spirituelle Ereignisse sollen hörbar gemacht werden. Engel. Kichernd. Sich einmischend. Schwebend in angstvoller Erregung über 10 000 einheitlich brüllenden Fußballfans. Die Heilsbringer der Menschheit, mal herumschwärmend, mal empört flatternd. Etwas, was es sehr wahrscheinlich real gar nicht gibt. Kurzum, ideal für ein Hörspiel.