Mein Jahrhundertbuch (16)

Friederike Mayröcker: "Journal" von Gerard Manley Hopkins

Mit blassen Oblaten/ Hostien/Papierfetzen eng beschrieben, der dreckige Bretterboden meines Zimmers bedeckt, im Stehen schreiben, während draußen an diesem wunderbar düsteren Samstag rumpelten draußen (die Taler) - nein nicht Talare: Taler - also Mobiliar eines Winters oder Gefährt.

Der Tempel Gottes der Leib: da schlummern die vielen Lektüren, die halbgelesen, durchblättert und exzerpiert, ja vor allem dies: exzerpiert, mir zu eigen gemacht, in den eigenen Leib verpflanzt, aufgegessen ("nimm das Buch und verschling es"), alles durchforstet, Bücher, so viele Lieblingsbücher, Bücher mit eingelegten lesezeichen Perlenschnüre von Tränen, 1 wichtigstes schönstes: Gerard Manley Hopkins' Journal, ich habe lange darin gelesen, in der Übersetzungsdichtung von Peter Waterhouse, diesem von Inspiration und Präzisionskunst heimgesuchten Himmelskind der Poesie, während ich an meinem Buch Lection geschrieben habe, und diese Lektüre hat mich jeden Morgen aufs neue hinauskatapultiert (besser: hineinkatapultiert) in die Erfindung der eigenen Sprache. Also eines Dichterpaars Ingenium (denn ich hatte auch die englische Originalfassung des Journal vorliegen) als Speisung fürs eigene Werk, so saß ich mehr als 2 Jahre an meinem Honigtisch Seite an Seite mit Gerard Manley Hopkins und Peter Waterhouse und ließ mich beatmen von ihrem Geist.

· Gerard Manley Hopkins: Journal Aus dem Englischen von Peter Waterhouse; Residenz Verlag, Salzburg 1997; 280 S., Abb., 42,- DM

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  • Von mayröcker
  • Datum
  • Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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