Sex und Kapitalismus
Michel Houellebecq träumt in der obszönen Gesellschaft vom tragischen Leben
Das Leben lohnt die Mühe nicht, aber der Selbstmord auch nicht. Die Liebe erst recht nicht. Frauen sind Zeitverschwendung; sie haben Unschuld und Großzügigkeit verloren. Viele sind der "Schule des Egoismus" in die Hände gefallen, "überbezahlten Psychoanalytikern", die verwirrte Mädchen in die "analysierte Frau" verwandeln. Sie ist verschlagen, engherzig und "chronisch liebesunfähig". Kalt wie Eis und falsch wie die Nacht.
Der Held dieses Romans hat keinen Namen, keine Frau und keinen Freund. Er hat das, was die glücklichen Heimwerker der deutschen Soziologie eine Bastelbiographie nennen. Von der Freiheit hat er so viel abbekommen, daß der Selbstmord "über ihm funkelt". Er könnte Hand an sich legen, aber er könnte es auch lassen. Nicht einmal ein Autounfall wird ihn erlösen, geschweige denn die Liebe in ihrer weltlichen Gestalt. Vor zwei Jahren hat er sich von Veronique getrennt; seitdem leidet er an Brechreiz. Ich erbreche, also bin ich. "Alles, was Quelle der Teilnahme, der Lust, der unschuldigen Sinnesharmonie hätte sein können, ist zu einer Quelle von Unglück und Schmerz geworden." Die Sonne und die Freiheit sind "unerträglich".
Die Lage der Welt? Von ihr bleibt nichts. Die Menschen sind Angestellte einer Firma Frankreich, das nicht Frankreich ist, sondern ein Label. Über allem liegt die Atmosphäre avancierter Sinnlosigkeit, vollkommen "transparent", vollkommen "kommunikativ". Politik ist Pop, und Pop ist Sex. "Am Tag nach der Riesendemonstration fand ein Protestmarsch gegen ,Polizeiübergriffe' statt ...; ich wechsle den Kanal und stoße auf einen Erotik-Clip." Der Ekel steht ihm bei; Ekel gegen die permissive Generation, die "sexuellen Herumtreiber", die von hoffnungslosen Begierden gehetzt werden, aber so "liebesfähig sind wie ein altes Wischtuch".
Was gesagt werden konnte, ist gesagt; was geschehen konnte, geschehen. Being after, das große Vorbei, die Leere nach dem Fest - das ist das Existenzgefühl, das der Autor in jungen Menschen wachsen läßt, die sich mit einem untröstlichen Begehren von der Tanzfläche stehlen, verrückt vor Sehnsucht nach der Echtheit ihrer falschen Gefühle. Im Leben danach ist kein Rätsel zu bewundern und nichts mehr zu entdecken, nur die Spiritualität des Geldes und der Konsum als "Festigung des Daseins". Die Körper sind durch "Leere getrennt", auch wenn manchmal "sogar eine fleischliche Vereinigung stattfindet", falls jemand bereit ist, die "dazu erforderlichen Handlungen zu vollziehen".
Im Zeitalter der Trance herrschen Gleichgültigkeit und Verbitterung
E-D-V heißt die Weltformel an ihrem absehbaren Ende. Der Held ist Informatiker, ein Angestellter, der Fehler in Computerprogrammen sucht, die intelligente Idioten hineingeschrieben haben. Er macht Schreibversuche, bringt Betrachtungen zu Papier, zum Beispiel über begehrende Kühe, die von göttergleichen Viehzüchtern künstlich befruchtet werden. Er muß es tun, denn ohne Schreiben ginge er verloren wie sein Auto nach jener Party, auf der sich Computerfachfrauen anfallartig die Kleider vom Leib gerissen und wie die Mänaden des Bill Gates getanzt haben - in besinnungsloser Prostitution an den männlichen Blick, als die "letzten Überreste nach dem Fall des Feminismus".
Im Zeitalter der Trance gibt es nichts zu erzählen, nur dies noch. Kurz vor Weihnachten schickt ihn seine Firma mit einem Arbeitskollegen nach Rouen, um der Provinz die Pest der modernen Zeit zu bringen: die Informationsverarbeitung. Tisserand, der Kollege, führt eine Existenz als Markenartikel, fühlt sich aber wie "eine Hühnerkeule unter Zellophan in einem Supermarktregal". Der Erzähler sagt, er gliche eher einer "Büffelkröte", fleischig, ohne Charme, mit "deformierten Zügen", Akne und Haarausfall. Der Softwarespezialist ist krank vor Sehnsucht und will erhört werden, durch einen Blick, eine Berührung. Angewidert wenden sich die Frauen ab. Nach einer Kette von Demütigungen, am Heiligabend, beobachten die beiden in der Diskothek ein junges Paar und sind empört von ihrer Zärtlichkeit und ihrem Glück. Unerträglich ist ihnen diese Liebe, und deshalb muß sie ausgelöscht werden. Der Held zückt ein Messer und drückt es dem Kollegen in die Hand. Der Mord geschieht nicht, denn auch diese Liebenden sind bloß Schnittmuster des gemeinen Lebens - Praktikanten einer Lifestyle-Sexualität, die sie unter Absehung ihrer Person im Tauschverkehr an sich vollstrecken. Tisserand stürzt davon. Wenn das alles ist, dann wäre alles nichts. Nichts, lautet das Urteil. Sein Autounfall endet tödlich.
Wenn Houellebecq seinen erwachsenen Helden in Augenschein nimmt, legt er ihm eine Anklage in den Mund, die dem Buch immerhin den Titel verliehen hat. Er spricht von der "Ausweitung der Kampfzone", von der Wucherung des Geldes, von der Expansion des Kapitalismus in die Wundzone der Körper. "Der Sex, sagte ich mir, stellt in unserer Gesellschaft eindeutig ein zweites Differenzierungssystem dar, das vom Geld völlig unabhängig ist; und es funktioniert auf mindestens ebenso erbarmungslose Weise. Wie der Wirtschaftsliberalismus erzeugt der sexuelle Liberalismus Phänomene absoluter Pauperisierung ... Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone."
Allerdings, die Ausweitung der kapitalistischen Kampfzone erstreckt sich nicht zuerst auf den Körper, sondern auf die Sprache, auf die Kommunikationen der Menschen mit sich selbst. Sexualität und Sprache, sagt Houellebecq, gehören zusammen wie der Leib und die Seele. Ohne den narrativen Reichtum der Welt, ohne Sinn und Bedeutsamkeit, ohne die symphonischen Energien der Sprache wuchern die "Schrekken des organischen Lebens". Das Begehren stirbt in der Begierde; aus Verlangen wird keine Lust und aus Sexualität keine Liebe.
Nun liegt die Versuchsordnung klar zutage. In Houellebecqs normalisierter Hölle geht es zu wie in seiner Kindheit. Es gibt keine Erzählung, keine Bedeutsamkeit, die den "existentiellen Knoten" des Begehrens lösen könnte; die Sprache erstarrt vor Kälte und verendet als obszöne Phrase, geheimnislos und von Wissen zerfressen - eine Konstellation, die Botho Strauß, ungleich raffinierter, in seiner Erzählung Der Kongreß entfaltet hat. Nichts mehr ist wahrhaft bedeutsam, und Houellebecq kann sagen, "dieser Welt mangelt es an allem, außer an zusätzlicher Information". Die kapitalistische Wissensgesellschaft erweitert die Kampfzone und führt ihre Sonde in das Dunkel der Sprache ein. Seitdem haben die Menschen den Traum von sich selbst verloren, seitdem ist die Welt pornographisch im Wortsinn: Sie gleicht sich selbst. "Das Sycomore-Programm ist in Pascal geschrieben", heißt es, doch von der Pascalschen Metaphysik ist für das Begehren des Lebens nichts geblieben als - Information.
Bei Houellebecq ist die Seele nicht nur vom Wissen verdorben, sie wird auch zum Gefängnis des Körpers. Die Physis spaltet sich ab, "die eigenen Beine" werden zum "fremden Gegenstand". Mit dem eigenen "Geist" und der Seele haben sie nichts mehr zu tun, und am Ende entläßt der Fremd-Körper die Dämonen einer heiligen Sexualität. Der katholische Priester schläft mit einer armen Sünderin, und der Heilige Abend ist der Tag der Auslöschung. Houellebecqs simple Formel dafür lautet: Sex ist die Metaphysik des Kapitalismus. Sex lenkt das leibhaftige Begehren ab, produziert Gleichgültigkeit und stabilisiert das System aus Geld und Wissen. Diese Gleichgültigkeit ist die Quelle alles Bösen. In vollkommener Neutralität gleitet der Blick über die Oberfläche der Dinge, bis "Verbitterung, Eifersucht und Angst" zurückbleiben, "vor allem Verbitterung. Eine ungeheure, unvorstellbare Verbitterung. Keine Zivilisation, keine Epoche war imstande, ein solches Maß an Verbitterung zu erzeugen."
Es kann nicht gutgehen mit diesem Helden; vielleicht auch nicht mit seinem Erfinder. Hinter den Masken der Weltverneinung zeigt die literarische Kampfhandlung des Michel Houellebecq ein herrisches Verlangen nach einem neuen Mythos - nach Gewalt, Schmerz und Endgültigkeit. Von Camus oder Sartre will sein Existentialismus nichts mehr wissen, denn er begehrt nicht die Intensität der Freiheit, sondern das tragische Leben, die dünne rote Linie zwischen dem Sein und dem Nichts. Einmal kehrt der Held Glassplitter zusammen, und seine "Wunden beginnen zu bluten. Ein angenehmes Gefühl; genau das, was ich wollte." Auch die verfluchte Welt soll sich endlich wieder spüren. Doch dazu bedürfte es der Ausweitung der Kampfzone, und mit einer Mischung aus Ekel und Faszination liest er, was auf den TShirts der Skins geschrieben steht. "Kill them all."
- Datum 15.04.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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