Sex und KapitalismusSeite 2/2

Wenn Houellebecq seinen erwachsenen Helden in Augenschein nimmt, legt er ihm eine Anklage in den Mund, die dem Buch immerhin den Titel verliehen hat. Er spricht von der "Ausweitung der Kampfzone", von der Wucherung des Geldes, von der Expansion des Kapitalismus in die Wundzone der Körper. "Der Sex, sagte ich mir, stellt in unserer Gesellschaft eindeutig ein zweites Differenzierungssystem dar, das vom Geld völlig unabhängig ist; und es funktioniert auf mindestens ebenso erbarmungslose Weise. Wie der Wirtschaftsliberalismus erzeugt der sexuelle Liberalismus Phänomene absoluter Pauperisierung ... Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone."

Allerdings, die Ausweitung der kapitalistischen Kampfzone erstreckt sich nicht zuerst auf den Körper, sondern auf die Sprache, auf die Kommunikationen der Menschen mit sich selbst. Sexualität und Sprache, sagt Houellebecq, gehören zusammen wie der Leib und die Seele. Ohne den narrativen Reichtum der Welt, ohne Sinn und Bedeutsamkeit, ohne die symphonischen Energien der Sprache wuchern die "Schrekken des organischen Lebens". Das Begehren stirbt in der Begierde; aus Verlangen wird keine Lust und aus Sexualität keine Liebe.

Nun liegt die Versuchsordnung klar zutage. In Houellebecqs normalisierter Hölle geht es zu wie in seiner Kindheit. Es gibt keine Erzählung, keine Bedeutsamkeit, die den "existentiellen Knoten" des Begehrens lösen könnte; die Sprache erstarrt vor Kälte und verendet als obszöne Phrase, geheimnislos und von Wissen zerfressen - eine Konstellation, die Botho Strauß, ungleich raffinierter, in seiner Erzählung Der Kongreß entfaltet hat. Nichts mehr ist wahrhaft bedeutsam, und Houellebecq kann sagen, "dieser Welt mangelt es an allem, außer an zusätzlicher Information". Die kapitalistische Wissensgesellschaft erweitert die Kampfzone und führt ihre Sonde in das Dunkel der Sprache ein. Seitdem haben die Menschen den Traum von sich selbst verloren, seitdem ist die Welt pornographisch im Wortsinn: Sie gleicht sich selbst. "Das Sycomore-Programm ist in Pascal geschrieben", heißt es, doch von der Pascalschen Metaphysik ist für das Begehren des Lebens nichts geblieben als - Information.

Bei Houellebecq ist die Seele nicht nur vom Wissen verdorben, sie wird auch zum Gefängnis des Körpers. Die Physis spaltet sich ab, "die eigenen Beine" werden zum "fremden Gegenstand". Mit dem eigenen "Geist" und der Seele haben sie nichts mehr zu tun, und am Ende entläßt der Fremd-Körper die Dämonen einer heiligen Sexualität. Der katholische Priester schläft mit einer armen Sünderin, und der Heilige Abend ist der Tag der Auslöschung. Houellebecqs simple Formel dafür lautet: Sex ist die Metaphysik des Kapitalismus. Sex lenkt das leibhaftige Begehren ab, produziert Gleichgültigkeit und stabilisiert das System aus Geld und Wissen. Diese Gleichgültigkeit ist die Quelle alles Bösen. In vollkommener Neutralität gleitet der Blick über die Oberfläche der Dinge, bis "Verbitterung, Eifersucht und Angst" zurückbleiben, "vor allem Verbitterung. Eine ungeheure, unvorstellbare Verbitterung. Keine Zivilisation, keine Epoche war imstande, ein solches Maß an Verbitterung zu erzeugen."

Es kann nicht gutgehen mit diesem Helden; vielleicht auch nicht mit seinem Erfinder. Hinter den Masken der Weltverneinung zeigt die literarische Kampfhandlung des Michel Houellebecq ein herrisches Verlangen nach einem neuen Mythos - nach Gewalt, Schmerz und Endgültigkeit. Von Camus oder Sartre will sein Existentialismus nichts mehr wissen, denn er begehrt nicht die Intensität der Freiheit, sondern das tragische Leben, die dünne rote Linie zwischen dem Sein und dem Nichts. Einmal kehrt der Held Glassplitter zusammen, und seine "Wunden beginnen zu bluten. Ein angenehmes Gefühl; genau das, was ich wollte." Auch die verfluchte Welt soll sich endlich wieder spüren. Doch dazu bedürfte es der Ausweitung der Kampfzone, und mit einer Mischung aus Ekel und Faszination liest er, was auf den TShirts der Skins geschrieben steht. "Kill them all."

 
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