Was geschah mit Rigoberta Menchú?
Im Jahr 1992, 500 Jahre nach Kolumbus' Landung in der Neuen Welt, erhielt die guatemaltekische Aktivistin und Autorin Rigoberta Menchú den Friedensnobelpreis. Ihre leidensvolle Geschichte war der Welt durch ein Buch bekanntgeworden, das zuerst 1983 auf französisch erschien, bald aber in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde: Rigoberta Menchú. Leben in Guatemala, so der deutsche Titel. Menchú, eine Maya, erzählt darin in der ersten Person von der Zerstörung ihres Dorfes und der Ermordung ihrer Familie durch staatliche Killerkommandos. Sie ist Zeugin der brutalen Unterdrückung, unter der die indigene Bevölkerung in den siebziger und achtziger Jahren zu leiden hatte. Die Gründung von Gewerkschaften und Landkooperativen wurde vom Staat mit zehntausendfachem Mord und Massenvertreibungen beantwortet.
Durch das Auftreten Menchús wurde der Vernichtungskrieg im abgelegenen Hochland einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Nicht zuletzt ihrem Nobelpreis ist es zuzuschreiben, daß sich die rassistische Einstellung der weißen Mehrheit gegenüber den Maya langsam ändert. So weit, so gut: Wir haben es bis hierhin - bei aller Grausamkeit und allem Leid - mit der ermutigenden Geschichte von der Kraft authentischer Zeugenschaft zu tun. Also dürfen sich jene bestätigt sehen, die Menchús Autobiographie im Streit um den literarischen Kanon an den amerikanischen Universitäten gegen die Literatur der "toten weißen Männer" ausspielten.
Es ist aber nicht ganz so einfach, wie sich nach Recherchen des Ethnologen David Stoll herausstellte. Menchú ist kein ungebildetes Bauernmädchen, wie sie behauptet - sie besuchte verschiedene Klosterschulen. Sie hat darum wahrscheinlich auch weder als Hausmädchen bei reichen Leuten noch auf einer Plantage arbeiten können, wie man es in ihrem Buch lesen kann. Der Gegner im lebenslangen Streit ihres Vaters um Land war kein böser ladino, sondern ein Maya und zudem ein Verwandter der Familie. Und nicht die Armee, sondern die Guerilla hat in Menchús Region mit dem Morden angefangen. Stoll bestreitet allerdings nicht, daß ihr Vater und ihre Mutter ermordet wurden und das Dorf als Vergeltungsmaßnahme gegen die Aufständischen dem Erdboden gleichgemacht.
Von den Greueln und Ungerechtigkeiten, die Menchús Leser empörten und für die Autorin einnahmen, kann man nicht behaupten, sie seien erfunden: Sie sind geschehen, so oder ein bißchen anders, und wenn nicht ihr, dann jemand anderem. Entsprechend lautet nun auch die Verteidigungsstrategie derjenigen, die auf der Wahrheit des Buches bestehen: Es handele sich nicht um eine persönliche Wahrheit Rigoberta Menchús, sondern um die Wahrheit des geschundenen Volks der Maya. Rigoberta sei die Stimme des kollektiven Bewußtseins ihres Volkes: Und ist das nicht sogar noch etwas Höheres als die einsame Stimme einer einzelnen, die nur für sich und die Wahrheit ihres Lebens einstehen kann? Die Indios, heißt es, "sprechen kollektiv", sie kennen nicht dieses autonome Erzähler-Ich der europäischen Tradition.
Das mag sein. Aber damit wird übergangen, daß Rigoberta Menchús Bericht auf die Öffentlichkeit gerade darum gewirkt hat, weil er in der Form der Autobiographie daherkam und nicht als "Geschichte eines Volkes". Ebendies war Menchús Provokation: Hier hatte jemand ich zu sagen gelernt, dem die herrschende Kultur seines Landes das Recht abspricht, das Wort in eigener Sache zu führen. Wenn dieses Wort nicht wahr ist, so ist es durch keinen kulturellen Relativismus zu retten. Die Maya wissen vielleicht nichts von der europäischen Autobiographie, aber man sollte ihnen doch wohl nicht absprechen, zwischen Literatur und Propaganda unterscheiden zu können.
David Stoll:
Rigoberta Menchú and the Story of All Poor Guatemalans
- Datum 15.04.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16/1999
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