Analysten an der Macht
Wie 30jährige Experten die Spielregeln in der deutschen Wirtschaft verändern
Eigentlich sei sie ja schon ein bißchen alt für ihren Job, meint Isabelle Hayen. - Alt? Mit 35? - "Nun ja, wir sind eben ein Geschäft der jungen Leute."
So ist das unter Analysten. Kurz nach dem BWL-Studium sitzt man erstmals mit feuchten Händen einem leibhaftigen Finanzvorstand gegenüber, mit 30 ist man in der Lage, ihn zu "grillen", also ins Kreuzverhör zu nehmen. Und in einem Alter, in dem andere sich langsam auf Führungsaufgaben vorbereiten, fühlt man sich alt. Frau Hayen ist wer: Chefin eines Teams von fünf Aktien-Analysten bei der Investmentbank Goldman Sachs International in London. Als Spezialistin für RWE, Veba und andere Versorgungswerte erreichte sie voriges Jahr den zweiten Platz in der Rangliste des Magazins Institutional Investor, einer Art Hitparade des Aktien-Research. Zuvor brachte sie ein portugiesisches Elektrizitätswerk an die Börse.
Analysten verdienen Traumgehälter, der Arbeitsmarkt ist leergefegt. Pierre Drach (32), als Gründer und Chef der unabhängigen Frankfurter Firma Independent Research einer der Branchenstars, sagt: "Vor fünf Jahren stieg man mit höchstens 100 000 ein; heute bekommen Leute ohne rechte Berufserfahrung im Extremfall schon mal 500 000 Mark." Die Standesorganisation Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Anlageberatung (DVFA) zählt 978 persönliche Mitglieder, 100 mehr als im Jahr zuvor.
Was ist passiert in diesem Beruf, dessen Bezeichnung eigentlich nur eine schlechte Übersetzung aus dem Englischen ist? Korrekt müßte der analyst schlicht "Analytiker" heißen, so wie der psycho-analyst ja auch nicht "Psychoanalyst" heißt. Die Analysten verwalten kein eigenes Geld, sie verfügen nur über Argumente. Und sind darauf angewiesen, daß Leute mit Geld ihnen zuhören.
Und genau hier hat sich etwas Fundamentales geändert. "Aktionäre sind dumm und frech. Dumm, weil sie Aktien kaufen, frech, weil sie Dividende haben wollen" - den legendären Ausspruch des alten Bankiers Carl Fürstenberg aus der Kaiserzeit konnte man bis vor kurzem durchaus noch zitieren, ohne viel falsch zu machen: Deutsche Aktionäre waren bescheiden, sie standen treu zu ihren Unternehmen und ließen sich von ihrer Bank mittels Depotstimmrecht vertreten. Die Bank wiederum war Hausbank des betreffenden Unternehmens, sie saß im Aufsichtsrat. Man war en famille .
Und heute? Szene auf der Hauptversammlung der Siemens AG am 18. Februar: Auf dem Podium der Münchner Olympiahalle saßen, wie eh und je, die Aufsichtsräte, darunter auch Rolf E. Breuer, der Sprecher der Deutschen Bank, Ausdruck der engen Beziehungen zwischen dem Konzern und dem größten Kreditinstitut der Republik. Schweigend hört Breuer dem Einwurf eines äußerst kritischen Aktionärssprechers zu. Die Gewinne stiegen viel zu langsam, bemängelte dieser. Wenn das so weitergehe, könne es Siemens passieren, von einem Konkurrenten aufgekauft zu werden. Und: "Für die Aktionäre wäre dies nicht unbedingt das schlechteste Szenario. Sie würden auf diesem Wege möglicherweise nach den Versäumnissen der Vergangenheit einen Kurs erhalten, der dem wahren Wert ihrer Anteile zumindest näher kommt." Das Pikante an dem Auftritt: Der Kritiker war Christian Strenger, Sprecher der Geschäftsführung der DWS Deutsche Gesellschaft für Wertpapiersparen mbH, einer Tochter der Deutschen Bank.
Was früher nur querköpfige Rebellen sagten, gehört heute zum guten Ton in der Familie. Innerhalb weniger Jahre haben die Aktionäre in Deutschland ihren Charakter verändert. Banken und Kleinanleger in deren Obhut treten zurück, zu Wort melden sich institutionelle Anleger, professionell geführte Fonds, die im harten Wettbewerb um höchste Renditen stehen und den Druck an die Manager weitergeben. Auf der Suche nach Shareholder value sind sie auf erstklassige Informationen angewiesen, und die liefern ihnen - die Analysten. So ist das in Amerika schon lange, in Deutschland hat die Entwicklung mit der Rezession 1993 eingesetzt.
- Datum 22.04.1999 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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