Die Augen wollen sich schließen
Jan Garbarek und das Hilliard Ensemble gehen mit ihrer Musik zwischen Mystik und Erinnerung auf Welttournee
Der Klang schwebt vor dem Altarbild, auf Höhe des Auferstehungsgemäldes von St. Michaelis, wer ihn orten will, muß sich von den Mündern des Hilliard Ensemble lösen, die Augen öffnen. Die vier Stimmen stehen im Raum, buchstäblich. Dazu gesellt sich als fünfter Gesang das Saxophon, es umspielt und streichelt jene Erscheinung, die mit jedem Atemzug der Sänger seine Form verändert und doch gleich bleibt. Die Kirche ist schon der rechte Ort für diese Musik.
Der Anfang, wie die Fortsetzung eines Traums: Aus der Stille wächst ein Ton, schwillt an, nimmt jeden Gedanken gefangen und verwandelt ihn in Musik. Es ist die Wiederaufnahme jenes Gefühls, das vor fünf Jahren das Hören von Officium begleitete. Der norwegische Saxophonist Jan Garbarek und das englische Hilliard Ensemble, A-capella-Sänger aus der Welt der notierten Kunst, hatten mit ihrer Verbindung aus Improvisation und alter kirchlicher Vokaltradition einen musikalischen Nerv getroffen, der sowohl der Sehnsucht entspricht, sich in mystische Gefilde jenseits der Zeitläufte zu verlieren, wie sich - in makelloser Schönheit - der Erinnerung an den ewigen Kreislauf hinzugeben: "Vögel, die sich von Fischen nähren, ihre Exkremente sind der Anfang einer Oase, die Menschen bewohnen können, bis eine nächste Lava alles erstickt." Die CD war ein ganz großer Verkaufserfolg.
Der demütige, schlanke Saxophonton Jan Garbareks, der immer an der Schwelle zur Stille lebt, sie überschreitet und wieder zurücktritt, wirkt im gleichen Maße zwiespältig: zwischen der Reinheit des Tones und dem Firnis des farblosen Lacks. Nur bei Russian Psalm greift er einmal zum Tenorsaxophon, und fast peinlich berührt der dreckige Ton den reinen Klang. Doch selbst wenn sein Ton Wolken aufreißt und Licht durchbricht, sie bleiben immer dunkel präsent, das Jubilierende verliert nie seine Erdenschwere. Die andächtige Begeisterung in den beiden ausverkauften Hamburger Konzerten galt auch dem weiten Feld, das sich jetzt öffnet. Das Hilliard Ensemble singt ungebundener, erkundet gehend die Akustik der Kirche, spielt wie Garbarek mit dem Raum, löst sich vom strengen Konzept der sakralen Beschränkung. Wem dies zu beliebig erscheint, der muß beim Hören die Augen schließen. Vielleicht stellen sich dann Bilder der Erinnerung ein.
Jan Garbarek und das Hilliard Ensemble gastieren auf ihrer Welttournee unter anderem am 6.5. in der Schloßkirche Friedrichshafen, am 7.5. in der Propstei St. Gerold (Österreich), am 8.5. in der Marktkirche Neuwied, am 9.5. in der Phoenixhalle in Mainz und am 10.5.in der Eberhardskirche in Stuttgart
- Datum 22.04.1999 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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