Joly ist noch nicht verheiratet - und das ist ein Problem. Denn Joly ist bereits 26 Jahre alt. Nicht, daß sich für die hübsche Südinderin kein Mann fände. Doch ihre Familie kann das Geld für die Mitgift nicht aufbringen. Deshalb geht Joly seit sechs Jahren arbeiten. An fünf Tagen in der Woche bemalt sie Briefpapier und Postkarten mit Wasserfarben. Für eine ihrer drei Schwestern hat sie mit dem Verdienst die Mitgift bezahlt, ihrem Bruder half sie beim Kauf einer Autorikscha. Jetzt spart Joly für ihre eigene Hochzeit, was Jahre dauern wird.

"Und dann wird an einem einzigen Tag alles verpulvert", schimpft Mathew Moozhiyil; der hochgewachsene Mann mit dem kleinen Dutt im Nacken ist Jolys Arbeitgeber. Außerdem Lebensberater, Kreditgeber, Kulturbotschafter, Landwirt, Unruhestifter, Rettungsanker und Vorbild - Moozhiyil ist Sozialunternehmer. Er und seine Frau Leelamony haben in den vergangenen zehn Jahren ein kleines indisches Dorf namens Sreekandamangalam in einen Workshop verwandelt.

"Das Leben ist wie ein Marathonlauf"

Dabei waren die Moozhiyils keine Fremden. Mathew wuchs in Sreekandamangalam auf, Leelamony stammt aus einem Nachbardorf. Doch sie waren lange Zeit im Ausland; zwanzig Jahre lebten die Moozhiyils in Gießen, er studierte Agrarwissenschaften, sie arbeitete als Krankenschwester. 1989 kehrten sie mit ihren beiden Töchtern zurück, um das Gelernte umzusetzen. Was einige Irritation auslöste: Statt wie andere Auslandsinder eine Villa zu bauen, renovierten sie ein altes Haus. Dann holzte der Agrarwissenschaftler auch noch die Kautschukbäume auf seinem Gründstück ab und zerstörte damit eine sichere Einnahmequelle. Kopfschütteln unter den Dorfbewohnern.

Doch nun, im zehnten Jahr, ist das Projekt akzeptiert. Michael Piwi, ein Kommunalpolitiker, bestätigt: "Mehr als 100 der 600 Familien in unserem Dorf verdienen ihren Lebensunterhalt direkt oder indirekt über die Familie Moozhiyil."

"Das Leben ist wie ein Marathonlauf", sagt Moozhiyil. Nichts, so scheint es, kann ihn aus der Ruhe bringen. Auch wenn er innerlich kocht, bleibt er äußerlich ruhig - die Arme vor dem Körper verschränkt, hat er sich die Beschimpfungen der ersten Jahre angehört. "Warum sollte ich mit denen streiten?" fragt er. Die Kritiker im Dorf, durchweg Männer, mußten akzeptieren lernen, daß ihre Frauen, Töchter und Schwestern jeden Tag in die Ziegelsteinhäuschen auf Moozhiyils Grundstück strömten - und daß sie dort der männlichen Kontrolle entzogen waren.

Die Frauen - bis zu 100 am Tag - kamen, weil sie nähen, sticken und malen lernen wollten. Und weil es endlich einen Grund gab, sich tagsüber schön anzuziehen. "Zu Hause war es langweilig", sagt Sindu. "Außerdem muß ich meinen Mann nicht mehr fragen, wenn ich mir etwas kaufen will" - ihr Taschengeld verdient sie jetzt selbst. "In Indien hat die Frau im Hintergrund zu bleiben, ihre Meinung ist nicht gefragt", sagt Leelamony Moozhiyil. Lachend erzählt sie, daß sie mit ihrem selbstbewußten Auftreten auch heute noch die Männer provoziert.