Mauritius Jenseits von Afrika
Eine Suche nach dem Paradies im Indischen Ozean
Da unten taucht es aus dem Südmeer, einsam, traumverloren, gesäumt von alabasterweißen Stränden, umschmeichelt von tausend ozeanischen Farben. Ein Eiland, auf dem die Sanftmut wohnt, die Tiere zahm und edel die Menschen, unbefleckt von der Sünde der Ureltern, "dunkelhäutig, aber reinen Herzens, unbekümmert ..." Das muß sie sein, die Insel des vorigen Tages, Umberto Ecos zeitlose Unschuld, berührt nur von den "Liebkosungen der Elemente": Mauritius, aus dem Bullauge einer Boeing 747 betrachtet.
Im Anflug, aus gnädiger Ferne, sind alle Stereotype noch wahr. Aber man kommt näher. Sieht die ersten Engramme der Zivilisation, vage noch, dann immer deutlicher, die Schnittraster der Straßen, die Siedlungsfransen, Fabriken, Nutzflächen, Betonrabatten, Satellitenohren. Das Gesicht der Insel, aus luftiger Distanz so makellos, aus der Nähe mit Pickeln und Pusteln und Pocken übersät.
Hier oben, im Norden der Insel, irgendwo zwischen Pamplemousses und Cap Malheureux, sieht es nämlich genauso öde aus wie im flurbereinigten Niederbayern: Monokultur, soweit das Auge reicht. Dort Mais, hier Zuckerrohr - gelobt sei die globale Erzeugerschlacht! 600 000 Tonnen Zucker produziert Mauritius per annum. Endlose, immergleiche Latifundien überziehen die Insel wie ein speigrüner Ausschlag. An brachen Flecken kommt grobes, scharfkantiges Lavageröll zum Vorschein. Dazwischen, Denkmale kolonialer Plantagenwirtschaft, stechen die Schlote der Zuckerrohrfabriken aus der Landschaft.
Diese verheerende Nutzpflanze, dazu den Namen haben die Mauritier den Holländern zu verdanken. Im Jahr 1598, unterwegs zu den Gewürz- und Seidenmärkten in Fernost, stieß ein gewisser Admiral van Warwyck auf die Terra incognita mitten im Indischen Ozean und taufte sie sogleich nach dem erlauchten Prinzen Maurits von Nassau. Seinerzeit muß das Eiland noch jene Wunderwelt gewesen sein, die dem lieben Gott als Vorlage für das Paradies gedient hatte. Das unbekannte Vulkanland trug ein dichtes Waldkleid, aus dem zipfelmützenförmige Berggipfel zackten. Die Gattung der Säugetiere war lediglich durch Fledermäuse sowie Skunks vertreten, und am Strand sonnten sich ausschließlich Riesenschildkröten.
Bougainvillea, Bananen, Bambus - alles importiert
Dann aber fielen weiße Männer wie Wolfsrudel ein. Sie importierten Sträflinge aus Ostindien und Sklaven aus Madagaskar, schlugen die profitablen Teak- und Ebenholzhaine ratzekahl und pflanzten Zuckerrohr. Von den Schildkröten ließen die Invasoren nur noch die Panzer übrig. Und binnen eines Jahrzehnts sollte ihnen die vollständige Ausrottung des Dodó gelingen, eines flugunfähigen, zutraulichen Laufvogels, der die Kolonialisten für harmlose Zeitgenossen gehalten hatte.
Die Wälder kann man noch nachempfinden - sie bedecken ein Prozent der Inselfläche. Von Dodós Existenz zeugt nur noch ein Plastikmodell im Naturhistorischen Museum der Hauptstadt Port Louis. Die Flora und Fauna, die wir heute für paradiesische Urnatur halten, ist Siedlerwerk. Schweine, Schafe, Ratten, Gänse, Tauben, Bananenstauden, Teesträucher, Bambus - alles importiert. Und die betörenden Frangipani? Die Jakarandabäume im lila Blütenrock? Der zinnoberrote Flamboyant? Die Bougainvilleen, purpurn, blutrot und puppenrosa? Lauter Mitbringsel. Mauritius ist eine Erfindung der Kolonialisten, und nach alldem, was über deren Ausbeutungswesen und Monokulturen gesagt wurde, wird es der Leser nicht mehr für möglich halten, daß die Insel dennoch eine Außenstelle des Gartens Eden geblieben ist.
Besserverdienende schätzen die exklusive Preispolitik
Mauritius wird bislang vom Schrecken der Weltmeere, den germanischen und angelsächsischen Brülltouristen, verschont - zuwenig Billigflüge, zu teure Herbergen. 400 000 Besucher, verteilt auf die vier Jahreszeiten - da läßt sich's noch urlauben. Es dominieren die stilleren, reiferen Herrschaften Europas, überwiegend Franzosen. Natürlich wissen Besserverdienende wie Flick, Belmondo oder Boris Becker die exklusive Preispolitik der Mauritier zu schätzen. Spätestens in zehn Jahren aber werden sie vermutlich auf andere Refugien ausweichen müssen, denn an den allerblausten Buchten wuchern die Hotelkomplexe und Massenunterkünfte wie Stinkmorcheln.
Die Neureichen vermehren sich, die Spekulation blüht, mit ihr die Korruption, und bald werden die Eingeborenen nicht mehr wissen, wohin sie zum Baden gehen können. Sie sind, wie alle glückseligen Insulaner, ziemlich arm, aber kerngesund und natürlich zufrieden. Auf dem Markt von Port Louis kann man das Klischee aus einfältigen Reisefibeln besichtigen. Da sind: Inderinnen in feingewobenen Saris; kohlrabenschwarze Tomatenhändler; Muslime, so friedlich wie unsereins; ameisige Chinesen; mittendrin ein lustiger Brezelverkäufer mit madagassischen Zügen. Alles so lebensbunt und exotisch und quirlig, ein jeder voller Frohsinn und Toleranz. Das Ganze: ein heiteres, unbeschwertes Durcheinander, in dem sich die Kulturen weißer Kolonialisten und dunkelhäutiger Sklaven kreuzen, die Religionen der Hindus, Muslime und Christen, die Rastlosigkeit Indiens, das Savoir-vivre Frankreichs und die unendliche Gelassenheit Afrikas, die sich manchmal in Gleichgültigkeit verliert.
Und sind nicht auch die dienstbaren Geister im Hotel, die Wasserskibootkapitäne, Schnorchelinstruktoren, die Daiquiri-Servierer und Strandhandtuchverwalter irgendwie unbeschwerter, freundlicher, zuvorkommender als sonstwo auf dem trübsinnigen Planeten? Der Leser hat es erraten: Dies ist eine multikulturelle Insel, ein Eiland der Herzlichkeit, 65 Kilometer lang, 34 Kilometer breit, auf dem so viele Gutmenschen leben, wie man sie normalerweise nur auf evangelischen Kirchentagen antrifft.
- Datum 12.02.2009 - 14:22 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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