Die Verräter sind unter uns

Cohn-Bendit, Enzensberger, Fischer & Co.: Sie kämpften für die Weltrevolution, nun verteidigen sie Grundgesetz, Unternehmertum oder Nato-Bomben. Nie waren Renegaten einflußreicher als heute. Ist ihre Inkonsequenz Klugheit oder Opportunismus? von 

Irgendwann Mitte der siebziger Jahre fiel er zum ersten Mal als Verräter auf. In einem Aufsatz für die linksradikale Theorie-Zeitschrift Autonomie hatte er die zentrale Rolle der Arbeiterklasse bei der kommenden Revolution in Frage gestellt. Diese freche Abweichung vom Credo des "Revolutionären Kampfes" - so hieß seine Gruppe - wurde von einem linientreuen Genossen durch wochenlanges Nichtgrüßen und Wechseln der Straßenseite geahndet. Dieser Genosse, sagt der Verräter mit maliziösem Unterton, ist heute Außenminister der Bundesrepublik Deutschland.

Thomas Schmid, der diese Anekdote aus den seligen Tagen revolutionären Überschwangs erzählt, hat selber die Straßenseite gewechselt. Es ist nur wenig übertrieben, wenn man sagt, Schmid sei der Mann, der den Springer-Boykott der Linken beendete. Zwar haben gelegentlich schon einige alte Kämpfer in den Blättern des früheren Erzfeindes geschrieben. Aber es ist dann doch etwas anderes, wenn ein profilierter Intellektueller aus dem linksradikalem Milieu den Job des Chefkorrespondenten bei der Welt annimmt.

Im öffentlichen Streit spielt darum heute der Kampfbegriff des "Renegaten" wieder eine wichtige Rolle, bezeichnenderweise ein Begriff aus der Kirchengeschichte, mit dem ursprünglich Christen belegt wurden, die unter osmanischer Herrschaft zum Islam übergetreten waren. Später fand er Eingang in die Sphäre der politischen Religion: Als Renegaten wurden jene Exkommunisten gebrandmarkt, die wie Arthur Koestler und Manès Sperber vom Glauben abgefallen und zu wirkungsmächtigen Kritikern geworden waren. Der Renegat, schrieb der Soziologe Georg Simmel schon 1908, ist eine Erscheinung, an der man "eine typische Treue gegen seine neue politische, religiöse oder sonstige Partei beobachtet hat". Die besondere Treue des Renegaten, so Simmel, komme daher, "daß die Umstände, unter denen er das neue Verhältnis eingegangen ist, bei ihm länger und nachhaltiger wirken, als wenn er sozusagen naiv und ohne Bruch hineingewachsen wäre". Der Renegat hat mit einer Haltung, einem Glauben, einer Lehre gebrochen und sich neu festgelegt. Für ihn versteht sich nichts mehr von selbst. Insofern ist er eine Verkörperung des Erwachsenwerdens: Er ist - mit einem Wort von Georg Lukács - "transzendental obdachlos". Aus diesem schwer erträglichen Zustand strebt er fort, wissend, wie wichtig - und zugleich wie zerbrechlich - ein geistiges Dach über dem Kopf ist. Der Renegat ist eine doppeldeutige Figur, changierend zwischen Aufklärung und Wiederverzauberung. Er hat eine Lehre aus Treue zu sich selbst verraten - und neigt als Verräter zu besonderer Treue.

Für Springer zu arbeiten, und zumal in einer ideologischen Schlüsselposition, das ist für einen Achtundsechziger der Inbegriff des Verrats. Thomas Schmids Vita war zunächst eine linke Musterkarriere: Mitglied des Frankfurter SDS, dann bei Cohn-Bendits und Fischers Truppe Revolutionärer Kampf, Opel-Arbeiter, Lektor bei Wagenbach, Autor eines Buches über "das Wagnis der multikulturellen Gesellschaft" (Heimat Babylon, mit Daniel Cohn-Bendit). Aber diese Aufzählung ergibt ein allzu schlichtes Bild. Denn daneben hat Schmid für die Grünen die Rolle eines theoretischen Antreibers gespielt. Der "Ökolibertäre" propagierte staatsskeptische Vorstellungen von gesellschaftlicher Selbstorganisation und garantiertem Mindesteinkommen, was den Linken in der Partei, auf staatlich organisierte Umverteilung abonniert, ein Greuel war. Dabei gehörte es durchaus zum Erbe des bürokratie- und hierarchiefeindlichen Spontigeistes, nicht auf den Staat als Problemlöser zu starren, sondern auf Flexibilisierung, Eigeninitiative und Selbstverwaltung zu vertrauen.

Zu Beginn der achtziger Jahre, erzählt Schmid, sei etwas hinzugekommen, was mit den linksradikalen Denktraditionen überhaupt nicht in Einklang zu bringen war: Respekt vor den Institutionen der Bundesrepublik, der sich heimlich und leise seinen Weg bahnte, von einem zunächst etwas peinlichen Hintergrundgefühl ("Es läuft alles in allem gar nicht so schlecht") bis zum offen getragenen Verfassungspatriotismus. Der verächtliche Tonfall, in den die linke Rede unwiderstehlich verfiel, wenn Begriffe wie "repräsentative Demokratie", "Westbindung", "Rechtssystem", "Gewaltenteilung" oder "Marktwirtschaft" in den Blick kamen, wurde ihm zusehends unerträglich.

Heute ist Thomas Schmid ein veritabler Patriot. Und weil man diesem Patriotismus die Spuren eines langen Kampfes anmerkt, wirkt er alles andere als peinlich. Schmid kann mit dem ansteckenden, bisweilen anstrengenden Enthusiasmus eines Spätbekehrten von der Leistung Adenauers und Erhards sprechen - jenen "schrecklichen alten Männern", die ihm einstmals als Agenten der "Restauration" galten: "Mit der Bonner Republik, die von dem Skeptiker Adenauer geführt wurde, ging erstmals ein deutscher Staat auf Distanz zum Erbe von Volksgemeinschaft, Sozialpaternalismus und Ressentiment gegen die Moderne." In seinen Leitartikeln rüttelt Schmid mit zunehmender Ungeduld am Selbstbild der westdeutschen Linken, die für sich in Anspruch nimmt, die Modernität der Bundesrepublik im Alleingang gegen großen Widerstand erkämpft zu haben: "Fast alles, was der Republik dann so gut bekommen ist", sagt Schmid - und er meint damit Marktwirtschaft, Westbindung, Föderalismus - "wurde gegen die Linke durchgesetzt." Man kann sich fragen, ob bei ihm heute nicht einige Dinge zu kurz kommen, die sich die Linke zweifellos zuschreiben kann: die Einübung der Fähigkeit, nein zu sagen, ohne die es keine liberale Demokratie geben kann; die Befreiung aus überkommenen Borniertheiten deutscher Mentalität; die Ostpolitik, ohne die es keine Wiedervereinigung gegeben hätte. Aber es wäre eine unfreie Reaktion, sich angesichts der Mängeldiagnose - an der ja leider einiges dran ist - an die Verdienste zu klammern.

Manchmal vernimmt man in Schmids Artikeln einen besonders ungnädigen Ton, wenn die Fehler der Rot-Grünen wieder einmal gegeißelt werden müssen. Und vielleicht wird da manchmal auch die frühe Bundesrepublik ein wenig zu sehr verklärt, aus einem Reuegefühl heraus, weil man früher kein gutes Haar an ihr lassen wollte. Aber anders als die früheren Leitartikler der Welt betet Schmid nicht die Bundesrepublik an, so wie sie jetzt ist. Es geht um die Republik als einen Möglichkeitsraum, für den die Linke lange genug keinen Sinn hatte. Ein Rechter ist er darum nicht. Ist er noch ein Linker? Er steht von zwei Seiten unter besonderer Beobachtung: Die Exgenossen verdächtigen ihn als Neu-Rechten, dem traditionellen Springer-Milieu ist er als linkes U-Boot verdächtig. Einmal Kommunist, immer Kommunist, man kennt das ja. Schmids zweifache Aufgabe besteht darin, ein konservatives Blatt ideologisch zu entrümpeln und zugleich der Linken heimzuleuchten bei ihrem Versuch, in der Wirklichkeit und im eigenen Land anzukommen. Vielleicht könnte man ihn als einen Doppelagenten bezeichnen. Das ist ein Job, für den man um so weniger geliebt wird, je besser man ihn macht.

Daniel Cohn-Bendit wird auf seiner neuesten Mission als Agent verdächtigt. Er tritt bei den Europawahlen als Spitzenkandidat der französischen Grünen an. Und weil er mit großem Schwung vom "politischen Projekt Europa" zu schwärmen weiß, weil er den Euro befürwortet und sich zur Marktwirtschaft bekannt hat, ist er zum Lieblingsfeind der euroskeptischen, national-republikanischen, antikapitalistischen französischen Linken geworden. In der langen politischen Laufbahn Cohn-Bendits markiert die offene Feindseligkeit der französischen Linken wohl die ironischste Wendung: Als der Innenminister Frankreichs den Sohn jüdischer deutscher Emigranten 1968 mit einem Einreiseverbot belegte, zogen Tausende Studenten durch das Quartier Latin und riefen: "Nous sommes tous des juifs allemands" (Wir sind alle deutsche Juden). Dreißig Jahre später ist Cohn-Bendit zurück in der politischen Arena Frankreichs und muß sich nun gefallen lassen, "Neoliberaler", "Verräter" und manchmal gar "Faschist" genannt zu werden.

Er spielt die Verletzung herunter und ist sichtlich bemüht, die Wut seiner Gegner nicht noch weiter anzuheizen. Mit dem Kampfbegriff "Neoliberaler" wird in Frankreich sowieso jeder belegt, der den Wohlfahrtstaat auch nur im geringsten für reformbedürftig hält. Er bezeichnet seine eigene Position als "liberal-libertär": Während die klassischen Neoliberalen sich, wenn nur der freie Wettbewerb gewährleistet ist, auch mit einem autoritären politischen System abfinden könnten, sei dies für einen Libertären völlig ausgeschlossen. Seine Aufgabe besteht nun darin, der französischen Linken deutlich zu machen, "daß man sehr wohl für den Euro sein kann, ohne einer dieser verruchten Neoliberalen zu sein, die glauben, mit Deregulierung sei alles erledigt". Wenn Cohn-Bendit seine Vorstellungen von der künftigen Rolle des Staates erläutert, ist viel die Rede von mangelnder "Initiativfähigkeit", und sogar das Wort "Unternehmertum" wird häufig und ohne jeden Beiklang von Verachtung gebraucht. Die Grünen, sagt er, hätten sich viel zu lange an die Idee des "sozialen Netzes" geklammert und zu wenig darüber nachgedacht, wie man bedürftige Leute in die Lage bringt, ihr eigenes Leben wieder in die Hand zu nehmen. Dabei könne man durchaus auf die Geschichte der Alternativbewegung zurückgreifen, die ja auch eine wahre Explosion von Unternehmergeist freigesetzt habe. Wären da nicht diese Referenzen an die eigene Geschichte, könnte leicht der Eindruck entstehen, nicht der "rote Dany" spreche, sondern Guido Westerwelle; und in der Tat sieht Cohn-Bendit die Zukunft der (deutschen) Grünen eher in der Konkurrenz zur FDP als zu den Sozialdemokraten. Es ist freilich gerade die deutliche Spur der Geschichte, die den Charme von Cohn-Bendit, diesem Liberalen wider Willen, ausmacht: Das libertäre Selbstverständnis sollte einst die totale Revolution voranbringen, aber am Ende hat es den Revolutionären, die es wirklich ernst nahmen, den Verrat an der Revolution aufgezwungen. "Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es", schrieb Cohn Bendit 1968 in seinem Manifest Linksradikalismus , "weiterhin die herkömmlichen bürokratischen Strukturen sowohl der staatlichen Institutionen wie auch der sogenannten Vertretungen der Arbeiter oder der Revolutionäre zum Wanken zu bringen." So geschah es. Aber das Ergebnis war das Ende, nicht die Vollendung der Revolution - und der Anfang von Dany, dem wahrhaft freien Demokraten.

Die Rede vom Verrat hat immer dann Hochsaison, wenn die Zeiten moralisch und ideologisch in Bewegung geraten. Und in dieser Hinsicht erleben wir einen denkwürdigen Frühling: Innerhalb kürzester Frist hat die rot-grüne Regierung sich von den letzten Resten des antikapitalistischen und des pazifistischen Bekenntnisses der Linken verabschiedet - und damit von Grundsätzen, die einst weit über das eigene Milieu hinaus populär waren.

Der Rücktritt Oskar Lafontaines vom Amt des Finanzministers und der Eintritt der Bundeswehr in den Kosovo-Krieg markieren eine Schwelle in der bundesdeutschen Politik. Dahinter beginnt unbekanntes Gebiet. Wer vor Jahren vorausgesagt hätte, welche neuen Konstellationen sich jetzt bilden, wäre verspottet worden: Hans Christian Stroebele, Alfred Dregger, Helmut Schmidt und Rudolf Augstein gegen den Krieg - Rudolf Scharping, Gerhard Schröder, Erhard Eppler und Joschka Fischer dafür. Über Nacht hat sich die herrschende Lesart geändert, was aus der Geschichte zu lernen sei. Die Verbrechen der Deutschen, die noch vor wenigen Jahren die Nichtteilnahme der Bundeswehr am Krieg auf dem Balkan begründeten, dienen jetzt zur höheren moralischen Legitimation des Gegenteils: Deutsche Soldaten dürfen nicht fehlen, wo Vertreibung und Völkermord bekämpft werden.

Die neue Lage ist noch schwer zu begreifen. Die bekanntesten Intellektuellen mit linksradikaler Vergangenheit zählen heute zu den entschiedensten Befürwortern des Nato-Angriffs, unter ihnen Hans Magnus Enzensberger, Hans Christoph Buch, Richard Herzinger, Peter Schneider und André Glucksmann sowie Alain Finkielkraut und Bernard-Henri Lévy. Daniel Cohn-Bendit geht schon einen Schritt weiter und fordert den Einsatz von Bodentruppen, wo die anderen noch zaghaft dafür eintreten, diese Option "prinzipiell nicht auszuschließen". Man kann in dieser Haltung zwar eine Fortsetzung des Internationalismus und der Solidarität mit anderen Mitteln sehen - aber die neuen Mittel machen doch einen erheblichen Unterschied: Die Nato, die man zu Zeiten des Kalten Krieges als den Weltfriedensfeind Nummer eins ansah, bewährt sich jetzt als Instrument zur Durchsetzung des Menschenrechtsuniversalismus im Ernstfall. Niemand hat das Wort von der Nato als atlantischer Wertegemeinschaft wohl je so ernst genommen, wie es heute ihre früheren Verächter tun.

Die Friedensbewegung hingegen findet kaum noch Prominente von intellektueller Statur, die ihre Forderungen nach Waffenruhe rückhaltlos verteidigen würden. Auch von Kriegsskeptikern wie Christa Wolf, Martin Walser und Christoph Hein sind keine eindeutigen Losungen zu erhalten, die sich auf Demos skandieren lassen. Angesichts der Vertreibungen und des Mordens im Kosovo ist die Waffenruhe keine Option, die sich im Vollgefühl moralischer Überlegenheit einklagen läßt.

Es ist nicht nur die politische Klasse, in der das Verratssyndrom grassiert. Überall kann man auf Leute treffen, deren politische Biographien klaffende Brüche aufweisen. Die Bruchstellen werden heute meist nicht mehr schamvoll überschminkt. Man trägt sie offen, manchmal fast ein bißchen so wie frühere Generationen ihre Schmisse: Ja, ich glaubte damals an die sexuelle Revolution und die Macht der Orgon-Energie, und nun habe ich, mit fünfzig Jahren, doch noch eine Kleinfamilie gegründet. Ja, ich war Maoist, und jetzt glaube ich an die civil society. Ja, ich habe einst den Rechtsstaat für bloße Ideologie gehalten, und jetzt trete ich für den Verfassungspatriotismus und die Durchsetzung der Menschenrechte in China ein.

Solche Bekenntnisse kann man allenthalben nach ein paar Gläsern Wein zu hören bekommen, in einem zwischen Peinlichkeit und Verwunderung schwankenden Ton. Kein Zweifel, die Verräter sind unter uns. Und es kann kein Zufall sein, daß viele unter den anregendsten, freiesten Köpfen in der heutigen Öffentlichkeit zu dieser Sorte von Leuten gehören.

Dem Journalisten Christian Semler, der bei der taz als Leitartikler und Essayist längst in die Rolle eines linken Elder statesmanaufgerückt ist, wurde eines Nachts im letzten Sommer durch einen denkwürdigen Anruf zu verstehen gegeben, daß er ein Verräter sei. Ein Mann raunte ins Telefon: Erinnerst du dich an Wyschinskij? und legte dann auf. Das schaurig-lächerliche Spiel wiederholte sich eine Zeitlang Nacht für Nacht. Natürlich konnte Semler mit dem Namen etwas anfangen: Andrej Januarjewitsch Wyschinskij war der Hauptankläger bei den Moskauer Schauprozessen gegen die Verräter der Arbeiterklasse.

Was hatte Semler getan? Er hatte in einem großen Aufsatz über das Schwarzbuch des Kommunismus davor gewarnt, die Debatte unter der altbewährten linken Maxime "Wem nützt es?" zu führen und sich damit die Wahrnehmung der Fakten zu ersparen: "Wie zu befürchten war, wird das im ‰Schwarzbuch' ausgebreitete Material von vornherein durch die Behauptung neutralisiert, es diene als bloße Munition im Kampf gegen jede gesellschaftliche Alternative jenseits des Kapitalismus."

Semler zeigte, wie linke Kommentatoren das Schwarzbuch zu diskreditieren suchten, indem sie behaupteten, die Autoren seien auf einer Linie mit Ernst Nolte. Und er nannte die stalinistische "Ausrottungspolitik" beim Namen, den "Punkt der größten Nähe" zwischen den beiden totalitären Systemen. Das war zuviel für die sich behaglich abschottende Linke, wie Leserbriefe und nächtliche Anrufe zeigten.

Kein Wunder, daß es die Genossen besonders reizt, wenn ausgerechnet Christian Semler sie zu fälligen Revisionen aufruft. Semler, einer der Köpfe der Studentenbewegung von 68, war noch in den siebziger Jahren Anführer der strenggläubig maoistischen KPD/AO. Keiner, der damals bei den Maoisten dabei war, redet heute gerne über die autoritären Rituale, den betonierten Jargon, das unter den hörigen Mitgliedern angerichtete Unglück. Christian Semler, als einem der damaligen Hauptverantwortlichen, ist heute noch die Pein anzumerken, wenn man ihn auf diese Seite seines Lebens als Linker anspricht. Öffentliche Zerknirschung ist seine Sache gleichwohl nicht; er betreibt die Revision der Glaubenssätze von einst in der täglichen Arbeit als Kommentator laufender Ereignisse. Seine Artikel sind immer lesbar als Korrekturen linker Sehfehler, die nicht nur in K-Gruppen verbreitet waren und die nach 1989 erst richtig auffallen konnten: zum Beispiel Geringschätzung von Institutionen; zweierlei Maß bei der Verteidigung der Menschenrechte; Unterschätzung der Nation als politischer Kraft; mangelnder Sinn für die Idee der Bürgergesellschaft. Daß er sich dennoch weiterhin als Linker versteht, macht ihn zu einem schwierigen Fall für diejenigen, die gerne ohne grundlegende Revisionen ihres Weltbildes weitermachen wollen. Semler ist lästig.

Es fällt schwer, sich den gebildeten, freundlichen, witzigen Semler als militanten Agitator der Studenten und dann gar als Sektenführer vorzustellen. Wie hat er da bloß herausgefunden? Welche Erfahrungen haben den Glauben unterhöhlt? Den Genossen aus den osteuropäischen Ländern ist es zu verdanken, erzählt er, daß die Wirklichkeit langsam durch die Ritzen des vernagelten maoistischen Denkgebäudes einsickerte. Die Partei pflegte Kontakte zu Oppositionellen aus Polen und Jugoslawien, in der Erwartung, in ihnen zuverlässige antisowjetische Bündnispartner zu finden. Mit Erstaunen mußte man zur Kenntnis nehmen, daß die Genossen den großen Vorsitzenden Mao für einen Verbrecher hielten, der Stalin durchaus das Wasser reichen konnte. Es war dann unmöglich, weiterhin gleichzeitig über den Stalinismus herzuziehen und die Volksrepublik für das Gelobte Land zu halten. Semlers Engagement gegen zweierlei Maß bei der Verteidigung der Menschen- und Bürgerrechte hat hier wohl seinen Erfahrungskern.

Der Universalverräter

Die Wege von Hans Magnus Enzensberger und Christian Semler haben sich einmal in bewegter Zeit gekreuzt - im Oktober 1967, in jenem großen Jahr also, in dem die Revolte stattfand, deren Teilnehmer etwas irreführend als die 68er in die Geschichte eingegangen sind. Für seine Zeitschrift Kursbuch interviewte Enzensberger damals Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Semler, die sagenhaften Studentenführer, vor denen die Republik erzitterte, über das Thema der "revolutionären Zukunft". Damals schien den beschwingten Revolutionären ein "befreites Berlin" zum Greifen nahe, die Räterepublik in der Frontstadt nur noch eine Frage der Organisation. Enzensberger blieb skeptisch gegenüber der Machbarkeit von "Sowjetberlin", bei aller Sympathie für den Aufruhr. Nur ein paar Monate später, im Januar 1968, stimmte er schließlich doch den Ton auf das letzte Gefecht an: "Diese Tatsachen zeigen, daß das politische System der Bundesrepublik nicht mehr reparabel ist. Man muß ihm zustimmen, oder man muß es durch ein neues System ersetzen. Eine dritte Möglichkeit ist nicht abzusehen."

Es hat sich bekanntlich erwiesen, daß doch ein bißchen was zu machen war am System der Bundesrepublik. Und Hans Magnus Enzensberger hat nicht wenig dazu beigetragen: Zum Beispiel hat er die revolutionäre Pose des Entweder-Oder ad absurdum geführt. Ende vergangenen Jahres zeigte sich der Heine-Preisträger in seiner ironischen Dankesrede bestrickt von jenem System, das er einst ersetzen wollte: Er stellte fest, "daß man eine gutmütigere Gesellschaftsverfassung in historischer Zeit mit der Lupe suchen kann, ohne fündig zu werden". Ein klarer Fall von Verrat - und nicht der erste in seiner Karriere.

Enzensberger gilt seit eh und je als der Erzverräter unter den deutschen Intellektuellen. Und was hat er nicht für Haken geschlagen: Er griff den Spiegel an, um dann alsbald für ihn zu schreiben. Er hat die FAZ attackiert und tritt heute in ihrer Werbekampagne auf. Er pries den Nutzen der Dokumentarliteratur und schrieb selber weiter Gedichte. Er schnitt Zuckerrohr für die Revolution in Kuba und gründete ein Journal des Luxus und der Moden. Er schrieb wütende Gedichte gegen den deutschen Spießer, um schließlich die "Normalität" zu rehabilitieren - lange bevor daraus ein Regierungsprogramm werden konnte. Mit anderen Worten: Der Mann ist total inkonsequent! Und er denkt nicht daran, sich dessen zu schämen. Wer ihn über irgendeine seiner zahlreichen entschiedenen Äußerungen zur Rede stellt, wird mit einer Erzählung bedacht, die ungefähr so beginnt: "Ja ja, das hat man damals geglaubt ... "; "Nein, ich bereue nichts, das waren schöne Jahre ... "; "Aber sehen Sie, ich wollte mich amüsieren ... " Enzensberger ist ein Hasardeur, der große Einsätze wagt und einem verlorenen Spiel nicht nachweint, wie es sich für einen Glücksritter gehört. Das macht ihn unerträglich für vorsichtigere Naturen. Was die Sache noch schlimmer macht: Enzensberger hat die Inkonsequenz nicht nur kultiviert, sondern ihr auch noch die höheren Weihen der Theorie verliehen. Er hat den Verrat intellektuell salonfähig gemacht - keine kleine Leistung in einem Land, in dem einst der Merkspruch umging, deutsch sein heiße eine Sache um ihrer selbst willen tun. In seinen Essays Zur Theorie des Verrats (1964) und Das Ende der Konsequenz (1981) behandelt Enzensberger die Paradoxien, die sich ergeben, wenn man die Welt nach Verrätern und Getreuen zu sortieren versucht: "Je mürber die eigene Identität, desto dringender das Verlangen nach Eindeutigkeit. Je serviler die Abhängigkeit von der Mode, desto lauter der Ruf nach grundsätzlichen Überzeugungen ... Je größer die Bestechlichkeit, desto ärger die Angst davor, ‰integriert' zu werden. Je weicher der Brei, desto fester die Prinzipien, je hilfloser das Gezappel, desto inständiger die Liebe zur Konsequenz."

Enzensbergers schlimmster Verrat fand im Jahr 1991 statt. Er verließ die Phalanx des Antiamerikanismus und applaudierte einem amerikanischen Bombardement. Zu Zeiten des Vietnamkrieges hatte er die Amerikaner als neue Nazis dargestellt, ganz in der Manier des nachgeholten, verschobenen Antifaschismus, der damals die Jugend "USA-SA-SS" skandierend auf die Straße trieb. Im Golfkrieg hingegen verglich er, wohl in Erinnerung an die eigene Projektion von damals, Saddam mit Hitler und unterstellte damit zugleich, die Deutschen identifizierten sich 1991 mit den Irakern, weil sie in ihnen sich selbst aus den Jahren 1938 bis 1945 erkannt hatten. Die Entdeckung solcher Allianzen bestimmt auch heute seine Wahrnehmung der Friedensbewegung: "Paradox scheint mir", sagte er dem Spiegel angesichts der Beteiligung serbischer Nationalisten an den Osterdemonstrationen, "daß die Reste dieser Bewegung Seite an Seite mit den Anhängern der Massenmörder herumlaufen." Und in einem Kommentar für die FAZ erledigte er in wenigen Sätzen den Versuch der friedensbewegten Linken, auch den Krieg gegen Serbien wieder nach bewährtem Muster auf finstere Interessen des Weltkapitals und der USA zurückzuführen: "Ein Krieg aus humanitären Gründen erscheint den Skeptikern unvorstellbar, doch ihre Suche nach bösen amerikanischen Hintergedanken hat bisher keine Früchte getragen. Womöglich handelt es sich tatsächlich um ein historisches Novum." Früher hat er selbst sich an die Hintergedanken gehalten. Er kennt sich aus mit linken Gemeinplätzen, und daß er sich von ihnen verabschiedet hat, macht ihn so unbeliebt bei den Anhängern der linken Gemütlichkeit, die ihm das Weiterdenken nun schon seit einer halben Ewigkeit empört als Verrat vorhalten. Dabei ließe sich an Enzensbergers Zickzack studieren, daß die Fähigkeit zur Inkonsequenz eine Minimalbedingung der Klugheit ist.

Der erbitterte Streit um den Golfkrieg erscheint heute als ziemlich übersichtliche Angelegenheit. Damals ging es den "Bellizisten" noch darum, die Legitimität militärischer Interventionen zur Wiederherstellung des Völkerrechts gegen den Vulgärmaterialismus der Parole "Kein Blut für Öl" zu verteidigen. Seinerzeit war das eine Dissidentenposition, die gegen einen bis zur Hysterie massenwirksamen Pazifismus keine Chance hatte. Heute hingegen haben in der Bundesrepublik die Befürworter bewaffneter moralischer Missionen das Sagen.

Bei Cora Stephan, der meistgehaßten bellizistischen Verräterin von damals, kommt darüber freilich keine Freude auf. Das wird vielleicht ihre zahlreichen Gegner verwundern, die sie seinerzeit als "Schwarze Witwe" und "Lady Cora mit dem Rohrstock" schmähten. Seit Cora Stephan "Desert Storm" öffentlich als gerechte Sache verteidigt hat, gilt es als ausgemacht, daß sie den Krieg für die probate Lösung aller politischen Krisen hält. Und so wurde ihr im vergangenen Jahr erschienenes Buch über das Handwerk des Krieges als kriegstreiberisches Werk abgefertigt, obwohl Stephan darin für eine Einhegung des Konflikts in Recht, Regeln, Rituale und rationale Interessen plädiert.

In der Debatte um die Legitimität des Kriegs gegen Serbien findet man Stephan auf der Seite der Warner. Die ehemalige PflasterStrand- Redakteurin kritisiert namentlich Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit als "frisch bekehrte Interventionisten". "Es ist nicht mehr allgemeingültig", so Stephan, "was in die kollektive Erinnerung insbesondere der Nachkriegsgenerationen eingebrannt ist: daß ‰Nie wieder Krieg!' der einzige Satz sei, der die Erfordernisse von Politik bestimmen kann. Diese ‰Lehre aus der Geschichte' wieder zu verlernen, ist schwer genug. Ebenso schwer aber ist es, das umgekehrte Extrem zu vermeiden. Nicht weniger gefährlich wäre das Umkippen von einem begriffslosen Pazifismus in eine moralgewisse Interventionsideologie."

Zeiten des Umbruchs sind gute Zeiten für den Verrat. Anders gesagt: Für die geistig beweglichsten Mitglieder der heute maßgeblichen Alterskohorten - von der Flakhelfer- bis zur 68er-Generation - ist Verrat an einstmals heiligen Grundsätzen eine Ehrensache, eine Frage des Selbstrespekts und der intellektuellen Redlichkeit. Die Renegaten von heute lassen sich aber interessanterweise nicht zu einem harmonischen Gruppenbild vereinen. Ihre Untreue hat sie zu ganz unterschiedlichen, teils konträren Positionen getragen. Der unwahrscheinliche Patriot Schmid, der Liberale wider Willen Cohn-Bendit, der spät bekehrte Bürgerrechtler Semler, die Kriegstheoretikerin Stephan und schon gar der Universalverräter Enzensberger finden sich nicht auf einem gemeinsamen Grund wieder. Sie werden wohl gelegentlich in einer Frage Allianzen bilden, aber schon bei der nächsten Gelegenheit könnten sie sich auch als Gegner vorfinden. Verrat ist ein Mechanismus der Differenzierung. Wenn jeder ein Verräter ist und jeder einen anderen Verrat begeht, dann läßt sich die Welt nicht mehr ordnen, indem man sie in Getreue und Abtrünnige einteilt. Wir bekommen am Ende der neunziger Jahre wirklich die "Neue Unübersichtlichkeit" zu spüren, von der Jürgen Habermas etwas voreilig schon Mitte der achtziger Jahre sprach.

"Der Verrat", schrieb die große Journalistin Margret Boveri in den fünfziger Jahren, "gehört zu den Kennzeichen unserer Zeit." Man kann den sachlichen Titel ihrer berühmten Studie Der Verrat im 20. Jahrhundert auch prophetisch lesen: Der politische Verrat war eine Spezialität dieses Jahrhunderts der Ideologien; die dazugehörigen Kampfformeln werden mit diesem Jahrhundert vergehen.

Der völkische Erweckungsprediger

Die jüngste Wende des Apo-Anwalts und RAF-Mitgründers Horst Mahler liefert dafür einen bizarren Beleg. Seit kurzem ist Mahler zurück in den Schlagzeilen: Rechtsradikale Gewalttäter gelten ihm jetzt als "politische Gefangene", Märtyrer der nationalen Wiedergeburt. Er hat eine "nationale Sammlungsbewegung" gegründet und trommelt bei deren "Montagsdemonstrationen" zum Kampf gegen "Überfremdung". Er redet von der Befreiung Deutschlands vom amerikanischen Imperialismus und dem Diktat des Weltfinanzsystems. Das geplante neue Staatsbürgerschaftsrecht müsse verhindert werden, so Mahler, um den Untergang des deutschen Volkes und die schleichende Machtübernahme der türkischen Minderheit zu verhindern.

Das ist nun geradezu die groteske Karikatur des klassischen Renegaten: Vom bewaffneten Kämpfer für die Weltrevolution zum völkischen Erweckungsprediger. Horst Mahler bedient den Appetit des Publikums auf ideologische Exaltiertheiten gerne und zuverlässig, damals wie heute, von links wie von rechts. Dieser Mann ist always ultra - ein Träumer des Absoluten, der die ganze Spanne des politischen Irrsinns dieses Jahrhunderts ausgemessen hat. Als Nachgeborener, der Horst Mahlers große Zeit dank Gnade der späten Geburt nur aus Büchern kennt, steht man vor dieser Form von politischer Religiosität ziemlich fassungslos. Und so fragt man ihn dann ganz direkt, als er gerade wieder einmal mit glänzenden Augen von der "Wiederkehr des deutschen Idealismus" spricht: "Herr Mahler, sind Sie ein Gottsucher?" Ohne das leiseste Zögern kommt die Antwort: "Ich suche nicht mehr."

Mahler steht in einem symbiotischen Verhältnis mit dem Zeitgeist: In der besessen antikommunistischen Gesellschaft der frühen Bundesrepublik gab er den bösen leninistischen Kader. Heute tritt er eben als der neueste Alptraum auf: In einer über sich selbst und ihre künftige Rolle verunsicherten Berliner Republik ist das der zum Rechtsradikalismus konvertierte Linke, ein Zerrbild jenes "Rechtsrucks", den die linksliberale Öffentlichkeit seit Jahren voller Angstlust beschwört. Mahler denkt sich dergleichen aber nicht ruhig und berechnend aus - er "agiert" im psychoanalytischen Sinne. Der rechtsdrehende Mahler ist eine dieser bizarren Figuren, die von Jahrhundertwenden ausgebrütet werden. Er ist ein politischer Mystiker, ein Zungenredner des politischen Wahnwitzes am Ende des Zeitalters der Extreme: In Horst Mahlers Karriere, könnte man sagen, kehren die politischen Tragödien dieses Jahrhunderts wieder - als Farce.

Die Lektion des burlesken Renegatendramas, das Mahler vor einem zunehmend befremdeten Publikum aufführt, könnte ironischerweise sein, daß der politische Verrat im emphatischen Sinne an ein Ende gekommen ist: Renegat, Dissident, Konvertit, Apostat, Häretiker - mit Hilfe dieser aus der Kirchengeschichte in die weltliche Arena übertragenen Begriffe läßt sich die Welt nicht mehr ordnen. Wenn die Nachwirkung jener großen ideologischen Formationen schwindet, die der Politologe Eric Voegelin 1938 treffend "politische Religionen" nannte, dann verliert hoffentlich auch die dazugehörige politisch-theologische Terminologie ihre Plausibilität. Das Ende des politischen Gottsuchertums ist weder Anlaß zu Triumphgeheul noch zu kulturkritischen Klagen. Was es bedeutet, sich auf die neue Lage einzustellen, hat Margret Boveri eindringlich am Ende ihrer Reise durch die "Landschaften des Verrats" beschrieben: "Ich fühle mich fähig, entgegengesetzte Elemente in mir zu beherbergen und jedem zu seinem Recht zu verhelfen. Der Preis dafür ist, daß ich auf die Frage, ob ich links oder rechts, konservativ, liberal oder revolutionär sei, keine Antwort weiß. Die Koinzidenz der Gegensätze ist mir als eine immer neu zu bewältigende Aufgabe klargeworden. Wenn ich mich zu einer Partei bekennen soll, dann zu der, die nicht das Entweder-Oder, sondern das Sowohl-als-Auch bejaht. Das ist nicht die Bereitschaft zu einer Abfolge von faulen Kompromissen. Es entspringt der Überzeugung, daß wir im Ausharren in der Polarität der Gegensätze die unauflösliche Tragik des menschlichen Lebens erfahren können, die nicht mit gutem Willen und nicht mit dem Verstand aufzulösen ist, in der wir aber, sofern wir sie anerkennen, wenn auch noch so selten einmal den Schlüssel finden mögen, der die Gegensätze bindet und löst."

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