Fortsetzungsroman (16)

Das Auge ohne Wimpern

Ich hockte als externer Beobachter immer auf einem Sandhaufen am Strand, auf der Insel Moody Point, inmitten des Indischen Ozeans. Freilich ist Sandhaufen ein unscharf begrenzter Begriff, aber warum sollte man statt seiner auch einen scharf begrenzten verwenden. Das fragte sich schon vor langer Zeit der Mystiker W., jener Philosoph, der damals, als ich jung war, selbst das Zählen von Nüssen fragwürdig machte.

Leider läßt im Alter mein Gedächtnis nach, meine Kurzsichtigkeit erlaubt nur unscharfe Bilder der Inselrealität, und ich träume wieder viel von der Eiablage. Auf dem Sandhaufen sitzend, jenem immerwährend unscharfen Begriff, versuche ich, durch Beobachtungen Fakten zu gewinnen. Bis dato war's ein stilles Leben, und wohin man sah, war nichts als Pax. Aber jetzt liegen Störungen in der Form atmosphärischer Dämpfungen in der Luft, diffuser Lärm macht sich breit, und am Strand sind massenhaft viele seltsame actiones. Man muß die Fakten sammeln, wie sie nun einmal sind, erst wahllos und dann systematisch, wie der alte Bacon einmal sagte.

Seit der Ankunft des Schiffes eile ich jeden Tag - und das ist mühsam und kostet Zeit, unter der Sonne über Felsformationen deflationärer Sorte - auf meinen Sandhaufenstandort, um Details für die Faktensammlung zu gewinnen. Es sind da am Strand wohl Menschen, das heißt diese Geschöpfe mit vier Extremitäten, scheußlich weiß wie die Bäuche toter Fische, von denen es auch zwei Geschlechter gibt. Manchmal bilden sie eine Haufenform, amorph, aber laut, dann vereinzeln sie sich und rufen einander mit Namen wie "Paulus, he!" oder "Hallo, Tamara, süßer Hobel!" oder dergleichen.

Diese Tamara hat eine Haarfarbe wie eine verrottete Karotte. Ein Max wimmelt herum und gräbt Löcher in den Sand, Bein an Bein mit einer gewissen Xenia. Auch ein Harald gräbt Löcher; soviel ich sehen und riechen konnte, leidet er an einer Amöbenruhr und füllt auf diese Weise Löcher und Zeit. Ach, die Amöbenruhr macht einsam. Ich konnte Erfahrungen genug sammeln mit den Geschöpfen - Ethnologen, Urologen, Astronomen, Ontologen und Anglern. Das war viel Strandbetrieb, Lagerfeuer, peinliches Blabla und Diarrhöe. Das Max-Ding untersucht Sandkörner und zählt sie dann, berührt aber gern das Hinterteil von Xenia oder Tamara, wie sie überhaupt gern Körperkontakt suchen. Sie trennen sich nur zu ihren Entleerungen in die Löcher, und der Gestank liegt wie eine Wolke über meinem lieblichen Eiland.

Heute träumte mir wieder von der Eiablage, romantisch war's in der Erinnerung, Mondschein, und die Kleinen krochen zum Meer.

Ach ja, die Poesie.

Wenn man alle Fakten miteinander verknüpft, sagt Bacon, dann kommt so etwas Ähnliches wie eine vorläufige Theorie zustande. Meine ersten Eindrücke bestätigten sich. Sie kommunizieren gern in Haufenform und sehen dann - vom Sandhaufen aus - einem platonischen Wesen ähnlich, das gemeinsam denkt, aber nicht gemeinsam die Entleerung sucht, ein multiples, in der Form uneindeutiges, in der Sonne leidendes, immer zerstreutes Wesen ohne bestimmte Eigenschaften.

Wenn ich nur wüßte, was die Wesen vorhaben, planen, tun, machen oder nicht machen werden.

Wenn man etwas nicht versteht, sagte meine liebe Mutter, die nicht älter als 100 wurde, muß man mit dem Herzen denken; sie erstickte eines schönen Tages an einer Plastiktüte.

Kopfweh! Die fremden Stimmen sind auch dann aufdringlich, wenn ich Schutz unter meinem Panzer suche. In den meisten Fällen sind's Wortkombinationen, auch Komposita genannt, und sie sind voller Rätsel. Die große Kuppel aus Plastik ist ein Institut, und es heißt irgendwie Sinnstiftung-AG oder GmbH; aber du liebe Zeit, wer wollte bei einem solchen Unternehmen auch nur beschränkt haften.

Die Spezies Mensch, sagte mein Großvater, ein uralter, weiser Schildkröt, ist ein werkzeugbegabtes Wesen, welches das Absolute sucht und gern tötet. Geh ihnen also immer aus dem Weg.

Gestern haben sie eine Art Scrabble mit schwarzen Muscheln gespielt. In der Abendsonne, viel Zirrusgewölk am Himmel, konnte ich den Satz lesen: Alle Zukunft gibt Anlaß zu Besorgnis. Keine Ahnung, was das wieder bedeuten soll, aber ein schöner Satz und aus Muscheln.

Die Temperatur steigt, bestimmt über 40 Grad Réaumur. Bei Hitze ist gut sinnieren. Ich habe mich gänzlich in meinen Panzer zurückgezogen und sehr in die Tiefe gedacht, aber auch in die Breite.

Was sucht dieses vielköpfige, aber vage Wesen am Strand? Meine Spekulationen auf dem Sandhaufen ließen mich trotz des Panzers erhitzt zurück, weil die Ergebnisse zu wünschen übrigließen. Am Strand, sagte ich mir immer wieder, kann man Muscheln suchen und Sätze mit ihnen bilden, man findet Bierdosen, Magic-Maggi, Präservative, Gesellschaft mit seinesgleichen, das Absolute vielleicht oder einfach sog. Sinn. Beim verfaulten Zeh meiner Tante, warum sollten sie nicht Sinn suchen, per definitionem nur ein Beispiel unter vielen anderen Bedeutungen - "Ausdruck der Bedeutung eines Gedankens", wie es so schön heißt.

Harald denkt: Tamara, süße Schnalle, aber schlicht konzipiert, wie ich auch. Und Xenia denkt zum Beispiel: Was für einen ganz und gar unbeschriebenen Knackarsch hat dieser Max; Paulus denkt: Sinnlos, alles sinnlos! Und Xenia denkt noch, man könnte noch mal den Strand staubsaugen.

Edgar will zurück ins Meer, was ich ihm nicht verdenken kann. Sein blasser, kleiner Gedanke ist mythologisch und fruchtbar. Gottchen, ja, das Innenleben der Gruppe ist reich, hat aber so gut wie keine Bedeutung; es sind arme, unerlöste Seelen, zwangsversetzt auf Moody Point.

Die Nesselkapseln auf den Tentakeln der Polypen sondern nämlich toxische Proteine ab, so daß die weißen Häute der Menschen nach einer Begegnung wie von Nilpferdhautpeitschen behandelte Sklaven aussehen. Scheint dann die Sonne auf die Wunden, ist das ein Anblick, der für den Mangel an billardkugelgroßen Eiern stark entschädigt.

Ob ein Sinn in solchen Blessuren liegt - ich meine im Sinne von Charakterbildung, Empfindung, Schmerzreferenz et cetera -, das weiß ich nicht, aber am Strand gingen sie liebreich miteinander um, leckten sich ihre Wunden, spritzten sich Adrenalin (wer hatte wohl an diese Medizin gedacht?) und tranken viel Wein, Metaxa und Sour-Rum. Ich glaube, es hat sich bei den kontaktfreudigen Polypen um einen Kindergarten gehandelt; Kinder an sich, ob Nesseltiere, Haie oder Muränen, sind noch nicht ganz so giftig, wie's zu ihrem Überleben not tut.

Letzte Zäsur. In der Nacht davor träumte mir, ich hätte ein Riesenei abgelegt in einem schönen, leicht opaken Weiß, ein Baby kroch heraus und sagte: Mum, I hate you. Keine Ahnung, warum die 112. Geburt unbedingt englisch reden muß, aber recht hat das kleine Ding.

Was soll ich noch viel erzählen. Die Figuren hingen am Strand herum, auch nichts mit Multiorgasmen durch den Geschmack von Nikotin auf Edgars Lippen (wo doch jeder weiß, daß es der Teergeschmack auf der Schleimhaut ist, der sie antörnt) bis zu dem Nachmittag, an dem ein Sack voller grauer Plastikknochen abgeworfen wurde. Mein Gott, hörte ich Paulus, den Ururenkel des Helden von Stalingrad, sagen: Es sind Handys. Und dann nahm er so einen Plastikknochen und küßte ihn.

Was soll ich sagen, sie kriegten keine Verbindung. Jeder hat sich ein Loch für den Körper gegraben, hockt da sehr intern drin und sucht Kommunikation. Sie erinnern mich ein wenig an die Photographie einer alten Theateraufführung, längst vom Seewasser zerstört; das Stück hieß Die Grabwespen und war von einem gewissen Maurice Maeterlinck, der auf Moody Point für Eleanore Duse einmal ein Loch gegraben hatte.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 1999
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